
Wüstenväter: Ich & Ego
Inhaltsverzeichnis
1. Über die Gefahr des Lobes
Alles Menschenlob bringt dich nicht in den Himmel hinein, alle Lästerungen der Menschen bringen dich nicht aus ihm heraus. Augustinus
Ein Bruder kam zum Altvater Makarios, dem Ägypter, und sagte zu ihm: Vater, sage mir ein Wort! Wie kann ich das Heil erlangen?
Der Greis belehrte ihn: Sieh hin zum Grabmal, und höhne die Toten.
Der Bruder ging also hin, verhöhnte und warf mit Steinen. Dann kam er zurück und berichtete dem Greis. Der fragte: Haben sie dir nichts gesagt? Er antwortete: Nein.
Da sprach der Greis zu ihm: Gehe morgen wieder hin und lobe sie!
Der Bruder ging hin und lobte sie und sprach: Apostel, Heilige, Gerechte. Und er kam zum Greis und berichtete: Ich habe sie gelobt! Und er fragt ihn: Haben sie nichts geantwortet?
Der Bruder antwortete: Nein!
Da belehrte ihn der Greis: Du weißt, wie sehr du sie geschmäht hast, und sie antworteten dir nicht, und wieviel du sie gelobt hast, und sie haben nichts zu dir gesagt. So musst auch du sein, wenn du das Heil erlangen willst. Werde ein Leichnam, beachte weder den Tadel der Menschen noch ihr Lob – wie die Toten.
Frage: Wie kannst du in deinem eigenen Leben lernen, innerlich unberührt von Lob oder Tadel zu bleiben und in Stille und Gelassenheit zu handeln?
2. Über die Geringachtung des eigenen Egos
Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! Mt 16:24
Poimen sagte: Wenn du dich selber für geringhältst, hast du Ruhe, an welchem Ort du dich auch niederlassen magst. Apophthegmata
Sich selbst verleugnen und sich selbst für gering halten – das klingt zunächst einmal nicht schön, eher negativ. Doch genau hier liegt der Ort der tiefen Ruhe. Wenn wir uns in diesem Prozess von übertriebenen Erwartungen an uns selbst oder an andere lösen, entdecken wir eine innere Gelassenheit.
Es sind gerade diese Erwartungen, die in uns Unruhe erzeugen. Ruhe entsteht, wenn es uns nicht mehr darum geht, vor uns selbst oder anderen gut dazustehen. Stattdessen können wir uns vollkommen in die Arme Jesu fallen lassen, der uns versichert: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.“ (Mt 11:28)
Frage: Wo in meinem Leben kann ich die Last übertriebener Erwartungen loslassen und mich ganz in die Ruhe des Vertrauens fallen lassen?
3. Über den Kampf mit den eigenen Gedanken
Da aber Jesus ihre Gedanken erkannte, antwortete er ihnen: Was macht ihr euch Gedanken in euren Herzen? Lk 5:22
Der Alte sagte: Die schlechten Gedanken gleichen den Mäusen, die in ein Haus kommen: Wenn man sie nach und nach tötet, eine nach der anderen der Reihe nach, wie sie eintreten, hat man kein Übel. Wenn man im Gegenteil das Haus sich mit ihnen füllen lässt, wird man viel Mühe haben, sie zu verjagen. Ob man dies dann kann oder ob man es aufgibt, man lässt sich das Haus verwüsten. Apophthegmata
Der Kampf gegen dekonstruktive eigene Gedanken wird ein Leben lang dauern. Diese sind vielfältig: Sorgen, Angst, Neid, Traurigkeit u.vm. Was uns der Spruch der Wüstenväter sagen will, ist, dass wir sofort jeden dieser Gedanken angehen, damit sie sich erst gar nicht langfristig bei uns einnisten.
4. Über die Versuchung
Einer von den Vätern sagte: Wenn der Baum nicht von den Winden geschüttelt wird, wächst er nicht und trägt keine Wurzeln. So der Mönch: Wenn er nicht versucht wird und die Versuchung nicht erträgt, wird er kein Mann. Apophthegmata
Wir wachsen an den Herausforderungen in unserem Leben. Ein Teil dieser Herausforderungen sind die Versuchungen. Für mich ist eine große Frucht der Versuchung die Demut. Immer wieder bin ich gefallen, und das hat in mir eine tiefe Demut erzeugt und eine noch tiefere Dankbarkeit gegenüber Gott, dass er mich dennoch immer wieder annimmt.
Auch wenn Versuchungen Kraft und Mühe kosten, sollten wir daher nicht über sie klagen. Vielmehr sollten wir Kraftquellen aufsuchen, die uns diese Mühen leichter machen. Eben dies empfiehlt der Wüstenvater Abbas Hyperechios: „Ein geistlicher Gesang sei immer in deinem Mund, und die Meditation erleichtere die Schwere der dich überkommenden Versuchungen. Ein einleuchtendes Beispiel ist dies: Ein schwerbeladener Wanderer, der durch Gesang der Wanderung die Mühe stiehlt.“
Frage: Welche Versuchungen in deinem Leben könnten dich lehren, noch demütiger und dankbarer zu werden, und wie kannst du dabei Gottes Nähe besonders spüren?
5. Über das Verlieren der Seele
Denn wer seine Seele retten will, der wird sie verlieren; wer aber seine Seele verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird sie retten. Mk 8:35
Ein Bruder fragte den Altvater Moses: Ich sehe eine Aufgabe vor mir und kann sie nicht erfüllen. Da sagte ihm der Alte: Wenn du nicht ein Leichnam wirst wie die Begrabenen, kannst du sie nicht bewältigen. Apophthegmata
Seine Seele um Jesu Willen zu verlieren bedeutet, sich von den Bindungen an die Welt zu lösen, immer genau hinzuschauen, wo es uns eventuell nur vordergründig um Gott geht, während im Hintergrund doch stark die Motive des Egos wirken.
Ein Leichnam werden – das bedeutet, von Herzen zu sprechen: nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.
Dann muss ich keine Angst mehr haben, egal vor welche Aufgaben mich das Leben stellt, und ich kann voller Zuversicht sprechen:
Herr, weil du´s willst, drum ist es gut.
Herr, weil du´s willst, drum habe ich Mut.
Mein Herz ruht in deinen Händen. Amen
Frage: Wo in meinem Leben halte ich noch an eigenen Vorstellungen fest, obwohl mein Herz eigentlich nach göttlicher Führung ruft?
6. Über das Schweigen
Man erzählte über den Altvater Agathon: Drei Jahre trug er einen Stein im Munde, bis er zurechtkam mit dem Schweigen. Apophthegmata
Nicht immer, aber immer wieder gehe ich ganz bewusst in den Tag mit dem Vorsatz, heute jedes unnütze Wort zu vermeiden. Ich spreche dann weniger, und wenn ich rede, dann knapp, deutlich und klar.
Ich spüre, dass meine Gedanken ruhiger und klarer werden und ich nicht so schnell über andere urteile. Trotz des Trubels um mich herum wohne und ruhe ich in Gott.
Hierzu passt auch ein anderer Spruch der Wüstenväter: Ein Alter sagte: Das Schweigen ist erfüllt mit vollem Leben, aber der Tod ist verborgen in langen Reden.
Frage: Wann habe ich zuletzt bewusst innegehalten und gespürt, dass Stille mir mehr Leben schenkt als viele Worte?
7. Über die innere Haltung
Ein Bruder fragte Abbas Antonius: Wie soll man sitzend in der Zelle bleiben, mein Vater? Der Alte antwortete: Das, was den Menschen sichtbar ist, ist das Fasten bis zum Abend, jeden Tag, das Wachen und die Meditation. Doch das, was den Menschen verborgen bleibt, ist die Geringschätzung deiner selbst, der Kampf gegen die schlechten Gedanken, die Sanftheit, die Betrachtung des Todes und die Demut des Herzens, Fundament alles Guten. Apophthegmata
