
Mitleid und Mitgefühl
Inhaltsverzeichnis
1. Mitleid – sich in den anderen einfühlen
Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen, denn sie waren erschöpft und hilflos wie Schafe, die keinen Hirten haben. Mt 9:36
Wenn die Bibel von Jesu Mitleid spricht, dann verwendet sie das Wort: splanchnizomai. Es meint: In den Eingeweiden ergriffen werden. Die Eingeweide sind für die Griechen der Ort der verwundbaren Gefühle.
Jesus öffnet sich dem Leid des Menschen. Er ist verwundbar. Daher spürt er die vielfältigen Leiden der Menschen, auch deine! In dieser Einfühlung ist Jesus das große, vollkommene Vorbild.
Einfühlung in andere ist eine wichtige menschliche Fähigkeit und die Voraussetzung von Mitleid. Es meint die Solidarität mit dem Leid des anderen, nicht nur oberflächlich, sondern tief – eine Solidarität, die auch tätig wird, aktiv dem anderen hilft.
Allerdings heißt es nicht, im Mitleid zu zerfließen. Denn dann helfe ich dem anderen nicht wirklich!
Gott segne dich und diese Woche, der Allmächtige mache dein Herz enfühlend, damit du die Werke tun kannst, welche die Weisheit für dich vorbereitet hat.
Frage: Wo lädt dich Jesus in dieser Woche ein, dein Herz für das Leid anderer zu öffnen – und gleichzeitig in seiner Stärke verwurzelt zu bleiben?
2. Mitleiden – nicht bedauern
Mitleid ist die höchste Form der Liebe – vielleicht die Liebe selbst. Heinrich Heine
Wenn wir andere Menschen bedauern, schwächen wir sie, tun ihnen nicht gut. “Dauern” heißt eigentlich: Leid tun. “Bedauern” ist so verstanden: ein beständiges Leid antun. Den, den ich bedauere, verletze ich immer wieder, anstatt ihn aufzurichten und zu stärken.
Dagegen: Annehmen des anderen, der leidet, bedeutet, dass ich mir sein Leid selbst zueigne, dass es auch mein Leiden wird. Eben dadurch aber, dass es nun geteiltes Leid geworden ist, dass ein anderer in ihm da ist, dringt das Licht der Liebe in dieses Leiden ein.
Das lateinische Wort con-solatio, Tröstung, drückt dies sehr schön aus, indem es die Vorstellung eines Mitseins in der Einsamkeit weckt, die dann keine Einsamkeit mehr ist. Das ist Solidarität, die bereit ist, wirklich zu helfen, den Rücken zu stärken.
Frage: Wo lädt dich das Leben heute ein, deine Liebe so zu teilen, dass aus Einsamkeit ein geteiltes Licht werden kann?
3. Mitleid – Grenzen setzen
Jesus sah, wie sie und auch die Trauergäste weinten. Da war er tief bewegt und erschüttert. Joh 11:33-35
Jesus kann es sich leisten, Mitleid zu haben, weil er mit Gott eins ist. Und dort, wo er mit Gott eins ist, hat das Leid des anderen keinen Zutritt.
Das ist auch eine wichtige Bedingung für unser Mitleid: Wir sollen unser Herz für den anderen öffnen, mit ihm fühlen, mit ihm leiden. Aber es braucht einen Bereich in uns, der nicht vom Leid des anderen infiziert wird, einen Raum, in dem wir uns zurückziehen können, um von dort aus das Leid des anderen zu spüren.
Wir sind solidarisch mit dem Leidenden, aber wir lösen unsere Grenzen nicht auf. Wir haben in uns einen Raum, zu dem das Leid des anderen keinen Zutritt hat. Nur so können wir in und durch Gott Kräfte entwickeln, dem anderen zu helfen.
Frage: Wo in mir spüre ich den stillen, unversehrten Raum, aus dem heraus ich wahrhaft mitfühlen kann, ohne mich selbst zu verlieren?
4. Mitleiden – aktiv nicht passiv
Seid voller Mitgefühl. 1. Petrus 3, 8
Wer mitleidet, steht für den anderen aktiv ein und bleibt nicht in einer passiven, bedauernden Haltung. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter heißt es: „Er hatte Mitleid“ (Lk 10,33).
Doch der barmherzige Samariter bleibt nicht beim Mitleid stehen. Es wird für ihn und soll für uns Ansporn zu einem Handeln sein, das dem leidenden Menschen Hilfe bringen soll – sei es durch das Versorgen der Wunden, das Bringen in eine Herberge oder andere Unterstützung.
Ein barmherziger Samariter ist also letztlich jemand, der Hilfe im Leiden bringt, wie beschaffen diese auch immer sein mag – sei es durch Geld, Zeit, Dasein oder Fürbitte. Für den Leidenden setzt er sein Herz, seine physisch-psychischen Kräfte und seine materiellen Mittel ein.
Er gibt sich selbst, sein eigenes Ich, indem er dieses Ich dem anderen öffnet. Wir berühren hier einen der Schlüsselpunkte der ganzen christlichen Anthropologie: Der Mensch kann sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden.
Werde dir heute bewusst, welche leidenden Menschen Gott dir zur Zeit auf deinen Weg sendet und wie du ihnen nach dem Willen Gottes barmherziger Samariter bist.
Frage: Wie kann ich heute meine eigene Hingabe so einsetzen, dass sie für einen anderen Heilung oder Trost bringt?
5. Mitleid – Worte Benedikt
Wenn ein Glied leidet, leiden alle anderen mit. 1. Kor 12:26
Es ist immer problematisch, wenn einer, dem es gut geht, einen anderen trösten soll, dem es nicht gut geht – sei es durch Krankheit, Liebesverlust oder anderes Leid. Häufig bleibt dies rhetorisch und pathetisch.
Dennoch: Wenn Menschen spüren können, dass wir Mitleidende sind, dass wir mit ihnen das Kreuz in Gemeinschaft mit Christus tragen wollen – indem wir vor allem mit ihnen beten, ihnen auch durch ein von Sympathie und Liebe erfülltes Schweigen beistehen und ihnen helfen, soweit es uns möglich ist –, dann können wir glaubwürdig werden.
Wir müssen akzeptieren, dass unsere Worte in einem ersten Augenblick vielleicht nur als bloße Worte erscheinen mögen. Wenn wir aber wirklich in dem Geist der wahren Nachfolge Jesu leben, finden wir auch die Möglichkeit, anderen mit unserer Sympathie nahe zu sein.
Sympathie bedeutet etymologisch Mit-leiden. Sie zeigt sich darin, dass wir dem Menschen helfen, mit ihm beten und auf diese Weise Vertrauen erzeugen – das Vertrauen, dass auch im finstersten Tal die Güte des Herrn gegenwärtig ist.
Wir können das Herz nicht durch Worte öffnen, sondern durch die große Lehre Christi, durch sein Bei-uns-Sein. So wird es möglich, das Leiden und den Schmerz in die Gnade des Reifens und der Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus zu verwandeln.
Frage: Wie kann ich in meinem Alltag Menschen auf eine Weise begleiten, die über Worte hinausgeht und echte Nähe und Mit-leiden vermittelt?
6. Trost, der aus dem Mitleid erwächst
In der Traurigkeit ist der mitleidende Freund ein Trost. Augustinius
Weil es für mich Wort für Wort so passt, ausnahmsweise ein copy&paste Text aus Wikipedia:
Trost ist zwischenmenschliche Zuwendung an jemanden, der trauert oder anderen seelischen bzw. körperlichen Schmerz zu ertragen hat. Derjenige wird getröstet. Trost kann durch Worte, Gesten und Berührung gespendet werden.
Der Schmerz und die Traurigkeit des Getrösteten sollen gelindert werden; er soll spüren, dass er nicht allein gelassen ist. Seine seelische Verfassung soll gestärkt werden.
Das Wort Trost hängt etymologisch mit dem indogermanischen Wortstamm treu zusammen und bedeutet Festigkeit, auch seelischer Halt, Zuversicht und Ermutigung im Leid. Das griechische Wort für Trost (paregoria) bedeutet auch Zuspruch, Ermahnung, Ermutigung.
Frage: Wann hast du zuletzt Trost geschenkt oder empfangen, der dich innerlich gestärkt hat?
7. (Mit)-Leiden und Distanz
Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen, denn sie waren erschöpft und hilflos wie Schafe, die keinen Hirten haben. Mt 9:36
Wenn du einem anderen helfen willst, dann musst du mit ihm fühlen und leiden können. Aber du brauchst zugleich auch eine Distanz zu seinem Leiden.
Wenn du mit seinem Leiden gleichsam verschmilzt, wenn du keine Grenze hast zu seinem Leid, dann gehst du unter im Meer seines Leidens, ohne ihn daraus retten zu können. Es gibt ein Mitleid, das keine Grenze kennt. Das Mitleid, das Jesus in der Bibel meint, ist anders.
Ich kann mein Herz dem anderen nur öffnen, wenn ich in meiner Seele zuhause bin. Wenn ich in mir einen festen Stand habe, wenn ich in Gott ruhe.
Wenn ich mit dem anderen grenzenlos mitleide, dann bedauere ich mich selbst, wie schlimm die Welt ist. Aber ich werde das Leid dadurch nicht lindern.
Anselm Grün
Frage: Wie kann ich in meinem Inneren Ruhe und Stärke finden, um anderen zu helfen, ohne mich selbst zu verlieren?
