
Kontemplation
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Kontemplation
Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein. Karl Rahner
Inspiriert und tief beeindruckt von einem Buch von Richard Rohr (Ganz da) möchte ich die Passions- und Osterwoche Impulse zum kontemplativen Leben schreiben. Hin und wieder überschreitet der Impuls die gewohnte Länge, da geht’s mit mir österlich durch.
Im Kern geht’s darum: Österlicher Glaube gründet sich nicht auf dem Vollzug von äußeren Ritualen oder mündlich gesprochenen Bekenntnissen, sondern darin, dass er jede Faser unseres Seins durchdringt. Er hat echte Auswirkung auf unser Leben, schafft ein neues Sein.
Der Glaube an den Auferstandenen ist mehr als nur beruhigender Seelenbalsam. Er ist eine völlige Kehrtwendung, durch die nicht mehr ich lebe, sondern Christus in mir.
Ein Christenleben bestehtt nicht in Worten, sondern in Erfahrung. Niemand ist Christ ohne Erfahrung. Nicht von der Lebenserfahrung ist hier die Rede, sondern von der Erfahrung Gottes. Bonhoeffer
Frage: Welche kleinen oder großen Bereiche meines Lebens dürften von einer solchen inneren Kehrtwendung berührt werden?
2. Sich überrumpeln lassen
Gepriesen sei der König, der da kommt im Namen des Herrn! Lk 19,38
“Wir müssen bereit werden, uns von Gott unterbrechen zu lassen.” (Bonhoeffer)
Gott findet sich in diesen Unterbrechungen. Tod und Auferstehung des Herrn war die Unterbrechung schlechthin. Auch du findest Gott in deinen Unterbrechungen.
Wir versuchen stets alles zu kontrollieren. Und dann läuft’s doch anders. Unterbrechung! Entweder kämpfen wir dagegen an, nehmen nicht an, was ist, oder lassen uns überrumpeln, weil wir dem Überrumpler, Gott selbst, trauen.
Dieses Vertrauen beinhaltet eine Dunkelheit, die Dunkelheit der Karwoche in unserem Leben, in der wir nicht wissen, was und wie es kommt. Wir können nur schlicht und einfach sagen: “Mir geschehe nach deinem Wort.” (Lk 1,38).
Tiefes Vertrauen lässt uns erahnen, dass wir trotz des Nichtwissens, trotz der Unterbrechungen und des Überrumpelt-Werdens letztlich von seiner großen Liebe getragen sind.
Das ist kontemplatives Leben: sich in seine Liebe fallen lassen. Es ist eher ein Lassen als ein Tun, eher ein Gehaltenwerden als ein Festhalten.
Frage: Wo in meinem Leben darf ich heute die Kontrolle loslassen und mich von Gottes Gegenwart tragen lassen?
3. Der liebende Blick
Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Joh 12,3
Kontemplation ist ein liebender Blick auf die Wirklichkeit unseres Lebens mit all seinen Brüchen, ein tiefer und ruhender Blick, der nicht bewertet, reflektiert, nachdenkt, grübelt oder murrt. Es ist ein pures Schauen.
Dieser liebende Blick ist ganz gegenwärtig für den Augenblick, so wie er ist, und ruht in allem in ihm – in Höhen und Tiefen, in Freude und Leid: immer wieder der liebende Blick auf das, was ist und auf den Herrn. Das wird deine Lebensaufgabe sein bis zum Schluss.
Daher: Lasst euch durch die so kostbare Nähe und Liebe zum Herrn in eurem Denken verändern, indem ihr auf ihn schaut, seine Passion, sein Tod und seine Auferstehung, sein Dasein in dir und deinem Leben.
Solange wir verbittert bleiben und Groll hegen wegen Dingen, von denen wir wünschten, sie wären nicht passiert, wegen Beziehungen, von denen wir wünschten, sie wären anders ausgegangen, und wegen Fehlern, von denen wir wünschten, wir hätten sie nicht gemacht, so lange liegt ein Teil unseres Inneren brach, unfähig, Frucht zu bringen in dem neuen Leben, das vor uns liegt. Wir enthalten dadurch Gott einen Teil von uns vor.
Frage: Wie könnte es dein Leben verändern, wenn du dich selbst und die Welt mit einem solchen liebenden, ruhenden Blick betrachtest?
4. Konzentriere dich auf das einzig Notwendige
Einer von euch wird mich verraten! Mt 26,21
Beobachte dich selbst, ruhig und ohne zu urteilen. Erkenne deine eigenen Abgründe – die Momente, in denen du dich letztlich von Jesus abwendest, weltliche Dinge wichtiger werden oder du ihn – benutzen wir dieses harte Wort – verrätst.
Indem du deine eigenen Abgründe wahrnimmst, erkennst du umso klarer Gottes Geduld und Erbarmen mit deiner Seele. Oft sind unsere springenden Gedanken der größte Abgrund, die ununterbrochen alles kommentieren und bewerten.
Bedenke: Situationen, die uns in einer Stunde noch negativ erregen, können uns wenige Stunden oder Tage später kaum berühren. Wenn wir das begreifen, können wir uns entschließen, diesen Gedanken von Anfang an nicht so viel Macht und Kontrolle über uns einzuräumen.
Sei dir sicher: Deine Seele ist beständiger und ruhiger, als es deine Gedanken und Gefühle je sein könnten.
Frage: Welche Gedanken oder Muster hindern mich heute daran, die Ruhe meiner Seele zu spüren, und wie kann ich Gottes Geduld in mir erkennen?
5. Sei wachsam und bereit
Wenn ich dich nicht wasche, so hast du keine Gemeinschaft mit mir. Joh 13,8
Christus ist immer der Kommende, der die Gemeinschaft mit uns sucht, die uns im Innersten rein macht. Für dieses Kommen müssen wir wachsam und bereit sein.
Wir sind es, die immer wieder abwesend sind im Leben unserer täglichen Routine. Ganz da sein, selbst mitten in Umständen, die du nicht willst, nicht erwartest und nicht magst.
Versuche dabei ergebnisoffen zu sein, nur so kann Gott, der deinen freien Willen achtet, dich lenken. Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Der Weg zu dieser Achtsamkeit ist das Gebet, das eben nicht funktionalisiert wird zu einem Deal auf Gegenleistung, sondern ein Gebet, das den Geist leert und das Herz füllt, um zu erkennen, dass du ein lebendiger Tabernakel bist.
Ja: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Das ist Gemeinschaft mit ihm.
Versteht ihr, was ich euch getan habe Joh 13,12
Frage: Wie spürst du im Alltag die Gegenwart Christi in deinem eigenen Inneren und wie öffnest du dich dafür?
6. Ewiges Leben
Wer sein Leben verliert, wird es finden. Mt 16,25
Jesus wählt die Worte derart massiv und absolut, weil er weiß, dass sich unser menschliches Ego viel zu häufig auf Rollen und ausgetüftelte Selbstbilder fixiert. Er möchte uns unmissverständlich klar machen, dass all dies vergängliche Konstrukte sind. Das Wesen dieser Welt vergeht (1 Kor 7,31).
Diese Fixierungen müssen sterben und ja, sie sterben nicht leicht, weil wir sie zu oft für unser wahres Selbst halten. Wenn diese Fixierungen sterben, bevor wir leiblich sterben, dann begegnen wir dem Einssein mit Gott, dann treten wir schon jetzt ein in das ewige Leben in Jesus Christus, dann können wir bekennen:
Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Taten des Herrn verkünden. Ps118:17
Frage: Welche Rollen und Selbstbilder in deinem Leben halten dich vielleicht noch davon ab, das Einssein mit Gott bewusst zu erfahren?
7. Unterbreche die Problemproduktion
Warum seid ihr so traurig? Lk 24,17
Gott bedient uns! (vgl. Lk 12,37)
Da ist eine unmittelbare Nähe, die genossen werden will. Wir dagegen sind viel zu oft mit unserem Geist in Vergangenheit oder Zukunft.
Versteht mich richtig. Es gibt ganz klar immer wieder Probleme in unserem Leben, die angegangen werden wollen. Aber häufig legt unser kleinkarierter Problemlösungsgeist bei kleinsten Dingen los, wenn etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Häufig schaffen wir uns künstlich Probleme, um sie zu lösen, und dann wieder eins und noch eins und erzeugen so eine Pseudomotivation zum Leben, anstatt diese unmittelbare Nähe zu genießen, in welcher uns Gott selbst bedient, der das Leben selbst ist.
Treffend sagt Thérèse von Lisieux: Wenn uns Verzweiflung überkommt, liegt es gewöhnlich daran, daß wir zuviel an die Vergangenheit und die Zukunft denken.
Folgender Spruch der Wüstenväter meint eben dies:
Ein Abba und sein Schüler flechten an einem Seil. Da fragt der Schüler: Abba, was muss man tun, um gerettet zu werden? Du siehst es gerade.
Frage: In welchen Momenten öffnest du dich der Gegenwart Gottes, anstatt dich von Sorgen über Vergangenheit oder Zukunft ablenken zu lassen?
8. Lasse Gedanken und Gefühle zu und los
Warum weinst du? Joh 20,15
1. Zulassen: Wir schreiben unsere inneren Kommentare über alles und jedes nieder. Dagegen können wir kaum etwas tun. Wenn ein nicht gewollter Gedanke bzw. Gefühl kommt, dann gib zu, dass dieser da ist. Und du wirst sehen, dass er nur vorübergehend ist und keine letztgültige Realität besitzt. Was du nicht zulässt, hält dich fest.
2. Distanzieren: Dann bewahre aber eine gewisse Distanz zu dir selbst. Beobachte dich selbst und identifiziere dich nicht zu sehr mit deinen Gedanken und Gefühlen. Warum sollte man sich in ein Gefühl hineinsteigern, das einen drei Stunden später schon gar nicht mehr tangieren wird?
3. Loslassen: Zuletzt sicher das Schwierigste. Versuche loszulassen. Je mehr wir loslassen, umso mehr Raum wird sein in deiner Herberge für den Auferstandenen
9. Offene Augen
Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn. Lk 24, 31
Die Fleischwerdung des Wortes in Christus findet auf geistlicher Ebene täglich immerfort statt, weil Christus in jeder Person zwar vollständig verborgen, aber dennoch vollständig offenbart ist.
Darum und nur darum sind wir Daseinsmenschen, bevor wir Tatmenschen sind, das heißt, dass wir uns nicht über unser Tun oder Nichttun definieren, sondern über das Dasein in Christus. Wir suchen ihn immer mehr zu erkennen – in uns selbst und im anderen, im Wort Gottes und in den Sakramenten.
Achte auf das Wort, dass ihnen die Augen aufgetan wurden, sie es nicht selbst taten. Beten wir immer neu darum, dass Gott unsere Augen auftut, sodass wir Christus immer tiefer erkennen und lieben lernen und so stets mit den Augen der Liebe Christi sehen.
Eure Augen sind es, durch die Christi Erbarmen auf die Welt schaut. Theresa von Avila
Frage: Wie öffnest du in deinem Alltag deine Augen für die verborgene Gegenwart Christi in dir und den Menschen um dich herum?
10. Vertrauen und Zweifel
Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen? Lk 24,38
Man darf das Kreuz Jesu nicht als einen himmlischen metaphysischen Kuhhandel zwischen Gott und Jesus sehen, um irgendwie für uns die Himmelstore zu öffnen.
Die Wirklichkeit scheint eine kreuzförmige Gestalt zu haben, überall durchkreuzt sie Pläne und Ziele. Jede Situation, in der wir keine Kontrolle haben, erleiden wir.
Jesus aber hängt in der Mitte, nicht um all dies vollkommen auszugleichen, sondern um es schlicht und einfach auszuhalten. Deshalb verbirgt sich Jesus bei den Gekreuzigten. Er ist überall da zu finden, wo Schmerz ist.
Ich weiß, dass das niemand von uns mag, aber schlichtes Leiden, nicht zu kriegen, was wir wollen, ist oft die schnellste und nachhaltigste Form der Verwandlung zur Liebe. Durch dieses Leiden lernen wir, dass absolute Kontrolle eine Illusion ist und können diese Kontrolle an Gott zurückgeben. Das ist vertrauender Glaube.
Nur das Vertrauen auf Gott kann den Zweifel in Gewissheit verwandeln, das Böse ins Gute, die Nacht in den strahlenden Morgen. Papst Franziskus
Frage: Wo in meinem Leben darf ich die Kontrolle loslassen und das Leiden als Weg zur Liebe annehmen?
11. Pflege das innere Schweigen
Es ist der Herr! Joh 21,7
Der einfachste Weg zum Herz und damit zum Herrn selbst ist das Schweigen. Lerne und übe dich darin, mit dem Schweigen zu verbinden, gerade auch im Gewusel deines Alltags. Schweigen macht immer alles größer, tiefer, geduldiger und mitfühlender.
Sich dem Schweigen öffnen, indem du immer wieder mal einfach ruhig da sitzt, die Augen schließt und die Stille spürst. Spaziergänge ohne Knopf im Ohr sind prima! Oder auf dem Weg zur Arbeit eben mal nicht das Autoradio anstellen.
Wiederum: Nicht unbedacht reden, sondern mit einer Bemerkung solange im Schweigen verharren, bis geklärt ist, was du wirklich sagen willst.
Die Übung des Schweigens werden wir nie perfekt meistern. Immer, wenn wir das innere Schweigen verlieren, ist das nicht als Versagen zu sehen, sondern als konkrete Gelegenheit, es erneut zu wählen.
Stille ist nicht bloß Abwesenheit von Lärm, sondern ein Schweigen, das den Menschen Augen und Ohren öffnet für eine andere Welt. Serge Poliakoff
Frage: Wo in deinem Alltag könntest du heute bewusst das Schweigen wählen, um deinem Herzen näher zu kommen?
12. Lerne neu zu sehen
Die Tiefe ruft der Tiefe zu. Ps 42:8
Kontemplatives Leben ist nicht nur etwas für Mönche. Es ist für uns alle wichtig, denn kontemplativ lebt jener, bei dem Glaube und Leben eine wachsende Einheit bildet.
Es bedeutet, mein ganzes Leben immer neu mit Gottes Augen zu sehen. Es bedeutet, Ostern nicht nur als jährliches Fest zu begehen, sondern täglich österlich zu leben.
Wenn du dich entscheidest, österlich zu leben, bist du präsent für das, was ist. Ein Horizont tut sich auf und wird zu einer neuen Weise des Erkennens.
In diesem österlichen Augenblick wirst du mehr gehalten, als dass du wirklich selber etwas festhältst, erklärst oder verstehst. Du fühlst dich eher wie ein Angesprochener als ein Ansprechender.
Dies verändert deine Situation und Perspektive radikal, österlich eben!
Frage: Wie könnte es dein tägliches Leben verändern, wenn du jeden Moment aus einer österlichen Perspektive wahrnimmst?
13. Im Stillen vor Gott
Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin. Ps 46,11
Unser Alltag ist oft laut: Termine, Nachrichten, ständige Erreichbarkeit. Doch Gott lädt uns ein: „Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin“ (Psalm 46,11).
Kontemplativ leben bedeutet, den Lärm nicht unser Herz bestimmen zu lassen, sondern bewusst Räume der Stille zu suchen. In der Stille hören wir nicht nur weniger von der Welt, sondern mehr von Gott.
Wir lernen, dass unser Wert nicht in Leistung liegt, sondern in seiner Gegenwart. Ein kontemplatives Leben schenkt Tiefe, Ruhe und eine neue Sicht auf das, was wirklich zählt: die Liebe zu Gott und zu den Menschen.
Vielleicht genügt schon ein paar Minuten am Tag, um alles loszulassen und einfach bei ihm zu sein.
Frage: Welche kleinen Momente der Stille könntest du heute bewusst zulassen, um Gottes Gegenwart in deinem Alltag zu spüren?
14. Mit offenen Augen durchs Leben
Betet ohne Unterlass. 1. Thess 5,17
Kontemplativ zu leben heißt nicht, sich von der Welt abzuwenden, sondern sie mit Gottes Augen zu sehen. Jesus selbst ging oft in die Stille, aber er kehrte zurück, um Menschen zu dienen. Kontemplation und Aktion gehören zusammen.
Wer im Gebet verweilt, erkennt die Spuren Gottes auch im Alltag: im freundlichen Wort des Kollegen, im Lächeln eines Kindes, im Sonnenaufgang. Paulus sagt: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thessalonicher 5,17).
Kontemplativ zu leben bedeutet also, im Herzen mit Gott verbunden zu bleiben – auch beim Arbeiten, Einkaufen oder Putzen. So wird das Gewöhnliche heilig, und unser Leben ein Gebet, das Gott ehrt.
Frage: In welchen alltäglichen Momenten könntest du heute Gottes Gegenwart bewusster wahrnehmen?
