
Franz von Sales: Philothea
Inhaltsverzeichnis
Hier gibt es Gedanken aus dem Werk “Philothea – Anleitung zum frommen Leben” von Franz von Sales (1567-1622). Es ist das Buch, das mich am stärksten geprägt hat. Absolut lesenswert. Vom Schreibstil habe ich versucht, seine Gedanken an das Heute anzupassen.
1. Feuer und Flamme
Ich liebe den Herrn. Ps 116:1
Fromm ist man nicht dann, wenn man möglichst viele Gebete aufsagt oder andere religiöse Praktiken durchführt. Anders herum: Am Anfang der Frömmigkeit steht immer die wahre Gottesliebe.
Diese Gottesliebe ist das Feuer, das in unseren Herzen brennt. Wenn dieses Feuer der Gottesliebe hohe Flammen schlägt, dann heißt es Frömmigkeit.
Diese Flammen können sein: Bereitschaft, Entschlossenheit und Sorgfalt im Leben nach dem Willen des Herrn.
Ist die Liebe das Feuer, dann sind die Flammen die Frömmigkeit oder in einem anderen Bild: Ist die Liebe eine Pflanze, dann ist die Frömmigkeit ihre Blüte.
So hat die ganz Gott hingegebene Seele nichts anderes zu tun, als in Gottes Umarmung zu ruhen, wie ein Kind im Schoße der Mutter.
Diese Fügsamkeit gegenüber Gott, die Willensbereitschaft in der Hingabe an alles, was seinen Dienst betrifft, ist nichts anderes als die Ausübung der Frömmigkeit. Johannes Paul II
Frage: Wie zeigt sich das Feuer der Gottesliebe in deinem eigenen Leben – und wo spürst du den Ruf, dich tiefer vertrauensvoll hineinzugeben?
2. Die Jakobsleiter
Eine Leiter war auf die Erde gestellt, die reichte mit der Spitze bis an den Himmel. 1. Mose 28:12
Die Jakobsleiter ist ein schönes Bild für ein frommes Leben. Eine Leiter ist ein Gerät zum Hinauf- und Hinabsteigen mit Sprossen, die links und rechts in zwei Holme eingepasst sind.
Die beiden Holme stellen das Gebet dar. Das Gebet verbindet die Erde mit dem Himmel, uns Menschen mit Gott.
Auf den Sprossen der Leiter dagegen steigt man sowohl hinab, um den Mitmenschen zu helfen und sie zu lieben, und man steigt empor zur Liebesvereinigung mit Gott. Kontemplation und Aktion.
Echte Frömmigkeit und wahre Gottesliebe lenken uns hin zur Arbeit, zu der manchmal mühsamen Erfüllung unserer täglichen Pflichten. Josefmaria
Frage: Was bedeutet für mich persönlich das Gleichgewicht zwischen innerer Gottesbeziehung und liebender Hinwendung zu meinen Mitmenschen?
3. Allerlei Früchte und Blüten
Da sprach Gott: Die Erde lasse junges Grün sprossen, samentragende Pflanzen und Fruchtbäume, welche je nach ihrer Art Früchte auf Erden erzeugen. Gen 1,11
Bei der Schöpfung befahl Gott den Pflanzen, Frucht zu tragen, jede nach ihrer Art. So gibt er auch uns den Auftrag, Früchte der Frömmigkeit zu tragen, jeder nach seiner Art. Es gibt nicht DIE Frömmigkeit. Bei einem Priester sieht sie so aus, bei einem Lehrer so und bei einem LKW-Fahrer wiederrum so.
Eines ist aber allen gleich: Die Früchte der Frömmigkeit sind anderen nützlich z.B. in der eigenen Ehe, wo mit wachsender Frömmigkeit man sich umso herzlicher und zärtlicher begegnet oder im Umgang mit dem Nächsten, wo wir schneller als früher Nachsicht und Barmherzigkeit walten lassen oder im Umgang mit Schwächeren, denen wir in Fürsorge zugedacht sind. Was sind die Blüten unseres Herzens anderes als eben dies.
Die Blumen beginnen zu blühen. Hoheslied 2:12
Frage: Welche Frucht möchte Gott heute durch dich wachsen lassen – und wie kannst du ihr innerlich mehr Raum geben?
4. Der Sonnenaufgang – Geduld mit sich selbst
Wer aber Gott gehorcht, dessen Leben gleicht einem Sonnenaufgang: Es wird heller und heller, bis es lichter Tag geworden ist. Sprüche 4:18-19
Die Sonne ist nicht plötzlich da. Sie geht langsam auf.
Wenn wir uns dazu entscheiden fromm zu leben, legen wir unseren “alten” Menschen nicht von jetzt auf gleich ab, es ist ein Prozess, der Schritt für Schritt vor sich geht und mit Mühe verbunden ist. Wir brauchen daher Mut und Geduld.
Wenn wir auf unserem Weg mit unseren vielfältigen Unvollkommenheiten konfrontiert werden, so soll uns dass nicht unruhig oder mutlos machen. Das Bemühen um die Reinigung unserer Seele kann und soll nur mit unserem Leben ein Ende finden.
Regen wir uns also nicht auf über unsere Unvollkommenheiten: unsere Vollkommenheit besteht eben darin, daß wir die Unvollkommenheiten bekämpfen. Unser Sieg besteht darin, daß wir uns ihnen nicht beugen.
Frage: Wo erlebe ich heute einen „langsamen Sonnenaufgang“ in meiner inneren Entwicklung, und wie kann ich Gott in diesem Prozess bewusster vertrauen?
5. Die gegenwärtige Uhr
Jetzt ist der Tag des Heils! 2. Kor 6:2
Wenn wir uns dazu entscheiden, fromm zu leben und uns ganz der Gottesliebe hinzugeben, verändert das unser Leben grundlegend. Ein altes Leben wird darin zurück gelassen.
Eine Versuchung liegt darin, sich immer wieder nach diesem alten Leben umzuschauen oder träumerisch in die Zukunft zu blicken. Frommes Leben ist immer gegenwärtiges Leben.
Wir sind wie eine „alte“ Uhr, die man täglich aufziehen muss, damit sie gegenwärtig im Hier und Jetzt tickt. Jeder, der für seine Seele Sorge trägt, sollte diese Uhr am Morgen und am Abend aufziehen, um sie wieder instand zu setzen und auf Gott zu stimmen
Dieses Leben ist kurz, aber von großem Wert, da wir durch dasselbe das ewige erwerben können. Selig, die es verstehen, es in diesem Sinn zu gebrauchen. Franz von Sales
Frage: Wo lade ich heute mein Herz neu mit Gottes Gegenwart auf – und was spricht Gott in diesen stillen Momenten zu mir?
6. In den Fußstapfen Jesu gehen
Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt. 1.Petr 2,21
Meine Seele, du bist Gottes fähig! Begnüge dich daher nicht mit weniger als mit Gott. Blicke auf zum Himmel, verliere ihn nicht um der Erde willen!
Blicke auf zu Jesus. Lass dich ganz in ihn hinein fallen, so dass du von Herzen sagen kannst: Ich gehöre nicht mehr mir, ob ich lebe oder sterbe: ich gehöre meinem Heiland. Ich habe kein Ich und kein Mein mehr. Mein Ich ist Jesus, mein Anteil ist, ihm zu gehören.
Die Liebe Christi bewegt mein Herz, Jesus immer enger nachzufolgen, in seine Fußstapfen zu treten. Das ist ein frommes Leben. Im konkreten Leben bedeutet es nichts anderes, als die Liebe zu leben.
Bleib treu und beharrlich bei deinem Vorhaben eines frommen Lebens!
Frage: Welche Sehnsucht in dir ruft danach, Gott näher zu kommen und sich seiner Liebe tiefer anzuvertrauen?
7. Rohr und Säule
Erkennt, dass der Herr allein Gott ist! Er hat uns geschaffen, wir gehören ihm ! Ps 100:3
Dienen wir Gott voll Freude.
Was immer du zu tun beginnst, rufe zuerst den Herrn an.
Lass nicht ab, ihm Dank zu sagen.
Ohne die göttliche Gnade können wir nichts, mit ihr aber alles vermögen.
In der Hand der himmlischen Gnade wird das gebrechliche Rohr zur unerschütterlichen Säule.
Sei also in Frieden und lege alle ängstlichen Gedanken und Vorstellungen beiseite.
Denn der Herr ist gut zu uns, seine Gnade hört niemals auf, für alle Zeiten hält er uns die Treue. Ps 100:5
Frage: Welche innere Bewegung spürst du, wenn du dich bewusst der göttlichen Gnade anvertraust?
8. Gott hat mich erschaffen
O Gott, ich bin das Werk Deiner Hände Ps 138,8
Es ist noch nicht lange her, da warst du noch nicht auf der Welt.
Du warst nicht. Gott hat dich aus diesem Nichts hervorgehen lassen, um dich zu dem zu machen, was du bist, ohne daß er dich gebraucht hätte, einzig durch seine Güte.
Dankbarkeit steigt in mir auf.
Ich will mir der Ehre bewußt sein, daß er mir das Leben geschenkt hat und es ausschließlich zur Erfüllung seines Willens gebrauchen.
Mein Gott, ich opfere Dir das Sein auf, das Du mir gegeben.
Ich schenke und weihe Dir mein Herz.
Frage: Wo spüre ich heute in meinem Inneren den leisen Ruf, mein Dasein bewusster als Geschenk Gottes anzunehmen?
9. Gottes tut mir Gutes
Ich will den Herrn loben und nie vergessen, wie viel Gutes er mir getan hat. Ps 103:2
Betrachte immer wieder all das Gute, dass der Herr am dir tut: Freuden allerlei Art! Du bist sein geliebtes Kind. Er lenkt dich auf deinem Weg. Er vergibt dir noch und noch. Er bleibt dir treu und ist dir immer nah, gerade auch in den schweren Stunden.
Empfangen dürfen wir ihn im verwandelten Brot, ansprechen an allen Orten zu jeder Zeit, so sind wir nie allein. Welch Gnade! Welch Geschenk! Betrachte und staune wie gütig Gott gegen dich ist. Dankbarkeit! Mein Gott, du sollst in Zukunft allein der Gegenstand meines Denkens sein. Deshalb gab er uns den Verstand, ihn zu erkennen, das Gedächtnis, sich seiner zu erinnern. In dieser Absicht sind wir erschaffen.
Denen, die Gott lieben, verwandelt er alles in Gutes, auch ihre Irrwege und Fehler lässt Gott ihnen zum Guten werden. Augustinus
Frage: Wo erlebst du heute Gottes Nähe in deinem Denken, deinem Herzen und deinem Weg?
10. Gott wird mich holen zur bestimmten Stunde
Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden. Ps 90:12
Bedenke deinen Tod.
Unbestimmt ist der Tag deines Todes, wo wir von allem Weltlichen Abschied nehmen müssen, von allem Besitz, von Menschen, ja von unserem Leib selbst, der schon ein paar Tage nach unserem Tod vergraben wird.
Nachher wird kaum noch jemand an dich denken.
Herr, gib ihm die ewige Ruhe, wird man sagen, das ist alles.
Tod, wie bist du gewaltig!
Bete zu Gott. Wirf dich in seine Arme.
Da du die Stunde nicht kennst, zu der du die Welt verlassen mußt, hänge dein Herz nicht an die Welt.
Danke Gott, daß er dir die Mittel bietet, dich für diesen Tag zu sichern und dir Zeit zur Buße gewährt.
Deine Sorge sei, daß der Übergang ins Jenseits ein glücklicher werde.
Frage: Was würde sich in meinem Leben verändern, wenn ich jeden Tag im Bewusstsein seiner Endlichkeit und im Vertrauen auf Gottes Nähe gestalten würde?
11. Gott im Himmel ist unser Ziel
Die Völker werden in dem Licht leben. Offb 21:24
Wie begehrenswert ist dieser Ort, immer dürfen wir dort Gottes Anblick genießen. Welche Freude, immer mit seinem Schöpfer verbunden zu sein!
Erwecke eine innige Sehnsucht nach dieser herrlichen Stätte. Wandere nach diesem gesegneten Land und meide Dinge, die dich vom Weg dorthin abbringen.
Wende dich deinem gütigen und barmherzigen Gott zu und sei unwiderruflich entschlossen, ihm zu dienen und ihn zu lieben, jetzt und ewig.
Weihe ihm zu diesem Zweck deinen Geist mit all seinen Fähigkeiten, deine Seele mit all ihren Kräften, dein Herz mit all seiner Liebe, deinen Leib mit all seinen Sinnen.
Dieses Leben ist ein Vorzimmer des Himmels. Unsere größten Freuden sind nur die ersten Früchte und der Vorgeschmack der ewigen Freude, die noch kommen wird. Ja, das Beste kommt noch. Corrie ten Boom
Frage: Welche inneren Schritte kannst du heute unternehmen, um dein Herz und deinen Geist noch tiefer auf die Gegenwart Gottes auszurichten?
12. Lossagen von der Anhänglichkeit zur Sünde
Tote Fliegen bringen duftende Salben zum Stinken. Pred 10:1
Bleiben Mücken an einer Salbe hängen und gehen zugrunde, dann verdirbt die Salbe.
Was bedeutet dieses Bild: Sünden und allerlei Unvollkommenheiten – Lügen, unschöne Worte und Ähnliches – schaden dem Frommen im Innersten nicht. Sie passieren uns. Kein Mensch ist ohne Sünde. Oft verfehle ich mich in Wort und Tat.
Hängt er allerdings daran und hat im Inneren kein Problem damit oder gar Freude daran, schlägt dies in der Seele Wurzeln und verdirbt so die eigene Frömmigkeit.
Wir können nie ganz frei von läßlichen Sünden sein, jedenfalls können wir es nicht lange bleiben. Aber von der Anhänglichkeit an sie können wir wohl frei werden.
Um die Anhänglichkeit an die Sünden zu vermeiden, will ich sie benennen und bekennen.
Frage: Welche kleinen Anhaftungen in deinem Leben könnten deine innere Freiheit und Frömmigkeit unbemerkt beeinträchtigen?
13. Jeden Tag neu die Flügel schwingen
Ein Vogel weiß nicht, dass er fliegen kann, bevor er seine Flügel benutzt. Wir erfahren Gottes Liebe in unseren Herzen, sobald wir danach handeln. Corrie ten Boom
Vögel fallen zu Boden, wenn sie nicht ständig die Flügel bewegen. Deshalb mußt du oft deinen Entschluß erneuern, Gott zu dienen, sonst fällst du in den früheren Zustand zurück oder noch tiefer.
Erwäge stets die Gnade der Berufung. Ist es nicht ein Glück, im Gebet mit Gott sprechen zu können, ihn lieben zu dürfen, viele Leidenschaften gedämpft zu sehen, die dich beunruhigten, von vielen Sünden und Gewissensnöten verschont zu sein, die heilige Kommunion oft empfangen zu dürfen?
Wie groß sind doch diese Gnaden!
Wie ich jeden Tag essen und trinken muss, um zu leben, so muss ich auch jeden Tag Christus aufs Neue genießen. Hermann Heinrich Grafe
Frage: Welche Gnade in deinem Leben könntest du heute besonders bewusst wahrnehmen und nähren?
14. Jeden Tag neu die Saiten stimmen
Wie freue ich mich über den Herrn – möge ihm mein Lied gefallen! Ps 104:34
Dieser Vergleich des Franz von Sales hat mich als Musiker natürlich besonders angesprochen, denn eine verstimmte Gitarre ist eine Qual für die Ohren. Ein Gitarrenspieler zupft an allen Saiten und stimmt die falsch klingenden richtig, indem er sie entweder spannt oder nachlässt.
So prüfen wir nacheinander die Liebe, den Haß, die Wünsche, die Furcht, die Hoffnung, die Traurigkeit und die Freude unserer Seele. Stimmen sie nicht gut zur Melodie, die wir spielen wollen, das heißt zur Ehre Gottes, dann können wir sie mit seiner Gnade darauf abstimmen, damit sie harmonisch zusammenklingen.
Man erkennt den Zustand der Seele an den Leidenschaften, indem man sie der Reihe nach abtastet: wie steht es mit meiner Geduld, Sanftmut, Freude und so weiter.
Wer die Saiten seiner Seele von Gott am Beginn des Tages im Gebet stimmen lässt, der wird nicht verstimmt durch den Tag gehen. Friedhold Vogel
Frage: Welche Saiten deiner Seele könnten heute etwas Nachstimmung brauchen, um mehr Harmonie in deinem Leben und mit dem Göttlichen zu spüren?
15. Die Quelle des Gebetes
Du bist eine sprudelnde Quelle mit frischem Wasser. Hld 4:15
Man zieht sich zu Gott zurück, wenn man sich zu ihm erhebt, und man erhebt sich zu ihm, um sich in ihn zurückzuziehen. So sind die Erhebungen zu Gott und das Zurückziehen in die geistige Einsamkeit eng miteinander verbunden.
Das Gebet versetzt uns in die Wärme der göttlichen Liebe, es macht uns innerlich hell und reinigt uns von allem Dunklen. Das Gebet ist die Quelle, deren Wasser in uns unsere guten Wünsche zum Blühen bringt und unser oft erhitztes Herz abkühlt.
Denn im Gebet sind wir direkt mit ihm verbunden, wird er selbst zur sprudelnden Quelle für uns.
Das Gebet des Christen ist niemals ein Monolog. Josemaría Escrivá
Frage: Wie kannst du in deinem Alltag Momente der inneren Einkehr finden, um die Wärme der göttlichen Liebe bewusst zu spüren?
16. Auf Christus schauen
Ich bin das Brot des Lebens. Joh 6:48
Jesus nennt sich das Brot des Lebens. Wie zu jedem Essen zumeist das Brot gehört, so sollen auch wir Christus in allen unseren Gebeten und Handlungen betrachten, ansehen und suchen.
Wenn du Christus oft betrachtest, wird deine Seele von ihm erfüllt, du lernst seine Art und Weise kennen und deine Handlungen nach den seinen formen.
Kinder lernen sprechen, indem sie der Mutter zuhören und alles nachzusprechen versuchen. So werden auch wir, wenn wir Christus betrachten, sein Denken und Fühlen beobachten, bald durch ihn reden und handeln.
Man ist oft in der Gefahr, auf seinen eigenen Glauben zu schauen. In der Bibel steht aber: Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Corrie ten Boom
Frage: Wie kannst du Christus heute bewusst in deinem Denken und Handeln einladen, um deine Seele von ihm nähren zu lassen?
17. Sich in Gottes Gegenwart versetzen
Stiege ich hinauf zum Himmel, so bist du da; machte ich das Totenreich zu meinem Lager, siehe, so bist du auch da! Ps 139:8
Beginne jedes Gebet damit, dich in Gottes Gegenwart zu versetzen. Gott ist in allem und überall. Es gibt keinen Ort, wo er nicht wirklich gegenwärtig wäre.
Wohin die Vögel auch fliegen, sie bewegen sich in der Luft. So finden auch wir, wohin immer wir gehen mögen, Gott überall gegenwärtig. Jeder kennt diese Wahrheit, aber wie viele gibt es, die sie wirklich erfassen, und wie häufig vergessen wir es schlicht und einfach?
Wenn du also betest, dann sag von ganzem Herzen zu deiner Seele: Wahrhaftig, Gott ist hier, wahrhaftig, er ist in deinem Herzen.
Bete daher nicht hastig, um viel beten zu können, sondern bemühe dich, was du betest, von Herzen zu beten. Ein Vater unser innig gebetet ist mehr wert, als viele rasch und eilfertig heruntergeleiert.
In Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Apg 17,28
Frage: Wie bewusst nimmst du Gottes Gegenwart in deinem Alltag wahr, und wie könntest du sie tiefer in dein Herz lassen?
18. Verkoste das Wort Gottes.
Dein Wort ist wie ein Licht in der Nacht, das meinen Weg erleuchtet. Ps 119:105
Die heilige Schrift sei dein täglicher Wegbegleiter. Durch sie spricht Gott zu dir. Dabei kommt es nicht unbedingt auf ein langes Studium an. Schon ein Bibelvers, echt ins Herz genommen, genügt häufig.
Ein Bibelvers, der ein Gefühl in uns erweckt und uns zu ihm hinzieht und sich zuletzt im Willen zu guten Werken äußert. Spricht dich also ein Wort der heiligen Schrift an, dann bleib dabei, ohne gleich weiterzugehen, wie die Bienen von einer Blume nicht fortfliegen, solange sie Honig finden.
Die heutige Hetze ist ein schlimmes Übel. Es geht nicht nur um ein schnelles Lesen in der Schrift, sondern um ein wirkliches Verkosten dieser Worte, die unsere Seele zum Heil führen.
Frage: Welches Wort oder welcher Vers aus der heiligen Schrift berührt dich heute so sehr, dass du innehalten und es wirklich in deinem Herzen tragen möchtest?
19. Vorsätze für den Tag
Werdet nicht müde, Gutes zu tun! 2. Thess 3:13
So wie wir Nahrung verkosten, damit sie in unserem Körper wirkt und Kraft gibt, so soll auch das Verkosten des Wortes Gottes in uns gute Werke wirken.
Mache dir Vorsätze für den Tag, möglichst konkret. Also nicht einfach „Ich möchte Gutes tun“ oder „Ich möchte mehr lieben“, sondern zum Beispiel: „Heute begegne ich einer schwierigen Person X. Ich möchte innerlich ruhig bleiben und ihr mit Sanftmut begegnen.“
Es geht hier nicht nur um Wortbekenntnisse. Es ist notwendig, dass du den Entschluss, den du gefasst hast, festhältst und sorgfältig ausführst. Der Entschluss ist ja Frucht des Gebetes und des Wortes Gottes.
Habe ich mir zum Beispiel vorgenommen, jemandem, der mich beleidigt hat, zu verzeihen, so suche ich an diesem Tag den Betreffenden auf, um ihn freundlich zu grüßen.
Frage: Wie kann ich heute bewusst das Wort Gottes in meinem Handeln lebendig werden lassen?
20. Geistlicher Blumenstrauß
Die Blumen zeigen sich im Land. Hld 2,12
Wer in einem schönen Garten spazieren geht, nimmt gern einige Blumen mit, um sich an ihrem Wohlgeruch zu erfreuen und sie den ganzen Tag bei sich zu haben.
Nimm also diesen geistlichen Blumenstrauß mit in den Tag: ein Bibelvers, der dich angesprochen hat und über den du nachgedacht hast, Vorsätze, die du dir vorgenommen hast, die Ruhe und Stille, die du beim Verweilen beim Herrn erlebt hast.
Beschließe das Gebet mit drei Dingen.
Erstens die Danksagung, für die Gefühle, die Worte, die Vorsätze, die Gott dir darin geschenkt hat, dass du bei ihm verweilen durftest.
Zweitens die Bitte, dass Gott dir die Gnade mitteilt, die Vorsätze auch treu durchführen zu können.
Drittens die Aufopferung, dass du alles an diesem Tag zur Ehre Gottes tun wirst.
Ein Tag ohne Gebet ist wie ein Himmel ohne Sonne, wie ein Garten ohne Blumen. Joh Paul XXIII
Frage: Welche geistlichen „Blumen“ möchtest du heute bewusst in deinem Herzen bewahren, und wie können sie deinen Tag erhellen?
21. Kostbare Flüssigkeit
Ich bin zur Ruhe gekommen, mein Herz ist zufrieden und still. Ps 131:2
Wer in einem schönen Porzellangefäß eine kostbare Flüssigkeit nach Hause trägt, wird gewiss vorsichtig gehen. Nach deinem Morgengebet nimm dich also in Acht, deinem Herzen keinen Stoß zu versetzen.
Damit verschüttest du das Kostbare, das du im Morgengebet gewonnen hast. Bleibe, soweit möglich, eine Zeit lang still, wende dich ganz ruhig vom Gebet zur Arbeit hin und halte, solange es dir möglich ist, die Stimmung und die Gefühle fest, die du beim Gebet empfangen hast.
Zerstreue dich nicht sogleich, sondern schau ruhig vor dich hin. Triffst du jemanden, mit dem du sprechen musst, so tu es ruhig, achte aber zugleich auf dein Herz, damit die kostbare Flüssigkeit deiner Geistessammlung so wenig wie möglich ausfließe.
Das Heute ist unser kostbarster Besitz. Das einzige, was wir ganz sicher besitzen. Dale Carnegie
Frage: Wie kannst du den inneren Frieden, den du im Gebet erfährst, bewusst in deinen Alltag tragen, ohne ihn zu verlieren?
22. Die Morgenübung
Du bist mein Gott. Früh suche ich dich! Ps 63:2
All dies soll kurz und lebendig vollzogen werden, nach Möglichkeit, bevor du aus deinem Zimmer gehst, damit durch diese Übung alles von Gottes Segen befruchtet sei, was du tagsüber tust.
Danke Gott für die Gnade, dass er dich in der vergangenen Nacht erhalten hat. Dann denke daran, dass der gegenwärtige Tag dir gegeben wurde, damit du durch ihn die Ewigkeit gewinnst.
Nimm dir fest vor, den Tag dafür gut zu nützen. Überlege im Voraus, was auf dich zukommt, welche Möglichkeiten dir geboten werden, Gott zu dienen, welche Versuchungen oder Gefahren auf dich zukommen könnten.
Nimm dir vor, Gott zu dienen und alles zu meiden, was dein Seelenheil gefährdet.
Zuletzt demütige dich vor Gott. Gib zu, dass du aus eigener Kraft nichts kannst, weder das Schlechte meiden noch das Gute vollbringen kannst.
Frage: Wie kann ich heute bewusst jeden Moment nutzen, um mein Herz für Gottes Gegenwart zu öffnen?
23. Die Abendübung und die Gewissenserforschung
Er machte abends noch einen Spaziergang, um nachzudenken und zu beten. Gen 24:63
Die Gewissensforschung am Abend beinhaltet folgende Dinge:
Danke Gott, dass er dich diesen Tag erhalten hat.
Prüfe dein Verhalten während des ganzen Tages. Glaubst du, etwas Gutes getan zu haben, so danke Gott. Hast du aber in Gedanken, Worten oder Werken gesündigt, dann bitte Gott um Verzeihung und nimm dir vor, es bei der nächsten Gelegenheit besser zu machen.
Bitte Gott um seinen Segen und begib dich zur Ruhe, die uns nach seinem Willen notwendig ist.
Frage: Welche Momente deines heutigen Tages kannst du mit Dankbarkeit füllen, und wo sehnst du dich nach Vergebung und innerem Wachstum?
24. Die Einkehr in den inneren Raum
Deine Liebe habe ich ständig vor Augen. Ps 26:3
Unser Herz sollte im Inneren jeden Tag einen Platz suchen, einen inneren Raum, um sich dorthin inmitten der äußeren Arbeit bei jeder Gelegenheit zurückzuziehen, sich dort zu stärken und zu erholen und sich wie in einer Festung gegen die Versuchung zu verteidigen.
Führe also dein Herz immer wieder in die Einsamkeit, während du nach außen hin im Gespräch oder bei Geschäften bist. Diese geistige Einkehr kann in keiner Weise durch die Gegenwart vieler Menschen verhindert werden. Sie umgeben dich ja nur äußerlich, während dein Herz ausschließlich in der Gegenwart Gottes bleibt.
Gespräche sind gewöhnlich nicht so wichtig, dass man nicht von Zeit zu Zeit sein Herz davon zurückziehen könnte, um es in diese göttliche Einsamkeit zu führen. Zieh dich also zuweilen von allen Gedanken zurück in dein Herz, damit deine Seele fern von allen Menschen innigste Zwiesprache mit Gott halten kann.
Frage: Wann habe ich zuletzt bewusst mein Herz in die Stille geführt, um die Gegenwart Gottes in mir zu spüren?
25. Kurze Herzensgebete (Stoßgebete)
Herr, gib mir Mut und Kraft! Neh 6:9
Erhebe dich oft zu Gott durch kurze und herzerfüllte Herzensgebete, auch Stoßgebete genannt. Sie lassen sich in alle Situationen einbinden und unterstützen diese.
Wenn unser Geist ständig innig mit Gott verkehrt, dann wird er ganz von seinem Duft durchdrungen.
Der Wanderer bleibt einen Augenblick stehen, wenn er einen Schluck Wasser nimmt. Dadurch unterbricht er nicht seine Reise, sondern holt sich nur Kraft, um besser voran schreiten zu können.
Es ist gut, eine gewisse feste Anzahl solcher Stoßgebete parat zu haben. Wir sollten uns allerdings nicht auf bestimmte Worte festlegen, sondern aus dem Herzen frei die Worte sprechen, die dir im Augenblick die Liebe eingibt.
Stoßgebete sind Pfeile in den Himmel. Augustinus
Frage: Welche kleinen Momente in deinem Alltag könnten zu deinen persönlichen Stoßgebeten werden, die dich mit Gott verbinden?
26. Einsprechungen
Ich schlief, doch mein Herz war wach. Da, es klopft. Mein Liebster kommt! Hdl 5:2
Der heilige Geist spricht mitten am Tag zu uns, ohne dass wir etwas dazu tun müssen, durch Einsprechungen. Gewissermaßen weist er uns auf dieses oder jenes hin, um uns zum Guten zu führen. Freuen wir uns über solche Einsprechungen, stimmen ihnen zu und setzen sie in die Tat um.
Er ruft uns. An uns liegt es, ob wir ihn hören. Wie allmächtig auch die Kraft der barmherzigen Hand Gottes ist, die die Seele mit so vielen Einsprechungen, Anregungen und Lockungen rührt, umhüllt und fesselt, der menschliche Wille bleibt doch stets vollkommen frei, ohne einem äußeren oder inneren Zwang zu unterliegen.
Franz von Sales
Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Hdl 2:10
Frage: Wann habe ich zuletzt die leise Stimme in mir wahrgenommen, die mich zum Guten führen wollte, und wie habe ich darauf reagiert?
