Lk 11, 1-4 Das Vater-unser Gebet

Vers 1 Lehre uns beten!

Lk 11,1: Und es begab sich, dass er an einem Ort im Gebet war; und als er aufhörte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte!

Lk 11,1: Jesus betete einmal an einem Ort.

Jesus beten sehen

Oft beginnt Jesus den Tag im Gebet. Allein, im Morgengrauen. Auf einem Berg, an einem See, der Ort ist wirklich nicht so wichtig.

Aber die Zeit, die Jesus sich nimmt, und die Stille, die er sucht, um mit dem Vater in Kontakt zu treten, die sind heilig.

Und die Jünger merken es bald: Jesus kommt anders zurück. Ja, natürlich sind sie als Juden groß geworden und natürlich gehen sie am Sabbat in die Synagoge. Aber einfach so sich Zeit zum Gebet zu nehmen und dann so viel Kraft zu erhalten: Wie geht das?

Frage: Wie kannst du in deinem Alltag Räume der Stille finden, um Kraft und Verbindung zu erleben?

Um das rechte Gebet bitten

Auch als Jünger brauchen wir Jesus, um uns das Beten beizubringen.

Das Gebet ist so einfach, dass das kleinste Kind beten kann, aber es ist so großartig, dass man nicht sagen kann, dass der mächtigste Mann Gottes das Gebet wirklich gemeistert hat.

Ihre direkte Bitte war nicht, beten zu lernen, sondern zu beten.

Unsere größte Schwierigkeit besteht nicht darin, eine bestimmte Technik oder Herangehensweise im Gebet zu beherrschen (obwohl das gut und hilfreich sein kann); unser größtes Bedürfnis ist einfach zu beten und immer mehr zu beten.

Frage: Wie könnte sich mein Leben verändern, wenn ich das Beten nicht als Pflicht, sondern als tägliches, lebendiges Gespräch mit Gott betrachte?

Das Vaterunser beten

Gut ist es, sich vor Augen zu halten, dass jede und jeder Einzelne das Vaterunser von Jesus lernt, dass er selbst uns darin unterweist.

Auch wenn wir in einer Stunde nicht mehr als ein einziges Vaterunser beten, so genügt ihm das – wenn wir nur daran denken, dass wir bei ihm sind und die Worte, die wir sprechen, auch verstehen.

Wenn wir nur wüssten, wie gern er uns beschenkt und welche Freude es ihm bereitet, bei uns zu sein!

Er will nicht, dass wir mit dauerndem Reden unseren Geist ermüden.

Möge der Herr euch in diese Art zu beten einführen, soweit ihr sie noch nicht kennt.
Theresa von Avila

Frage: Wie kann ich im Alltag bewusster spüren, dass Gottes Gegenwart mir Freude schenkt, auch in kleinen Momenten des Betens oder Nachdenkens?

Vers 2 Geheiligt werde dein Name

Lk 11,2: Wenn ihr betet, so sprecht: Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name!

Aufbau des Vaterunser

Das Vaterunser besteht aus sieben Bitten, die ähnlich wie die Zehn Gebote aufgeteilt sind.

Die ersten drei Bitten sind Gott zugewandt – vertikal – und die letzten vier Bitten befassen sich mit den horizontalen Beziehungen, die wir zu anderen haben.

Ebenso ist das erste große Gebot, den Herrn zu lieben, und das zweite große Gebot, den Nächsten zu lieben.

Frage: Wie zeigt sich in meinem Leben das Gleichgewicht zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu meinen Mitmenschen?

Gott, unser liebende Vater

Jesus selbst spricht häufig vom Vater. Wenn wir am Anfang des Gebetes Vater sagen, so nimmt uns Jesus mit hinein in diese zärtliche Gottesbeziehung von seinem und unserem Vater. Wir sprechen diese Worte mit Jesus.

Als seine Kinder sind wir in Beziehung zu unserem Vater und er erweist uns seine Liebe. Gott ist der Gott aller Menschen.

Indem ich Vater unser bete, bin ich immer schon auf meine Mitmenschen verwiesen, ja auch derjenigen Menschen, mit denen wir so unsere Probleme haben. Und dieses Vater unser fordert von mir die Liebe.

Alle Geschöpfe sind Kinder des einen Vaters und daher Brüder. Franz von Assisi

Frage: Wie erlebe ich persönlich die Liebe und Nähe Gottes als meines Vaters – und wie wirkt sich das auf meine Haltung gegenüber anderen Menschen aus?

Wir sind alles Geschwister

Nicht ohne Grund sprechen wir das Vater unser in Wir-Form. Augustinus hat einmal gesagt: "Ob sie wollen oder nicht, sie sind unsere Brüder. Sie hören erst auf, unsere Brüder zu sein, wenn sie aufhören zu sprechen: Vater unser."

Wir haben den einen Vater, der uns liebt, ja der die Liebe selbst ist. "Gott ist Liebe, und wer in dieser Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." (1. Joh 4,16)

Dieser Vater und seine Liebe sind unteilbar, egal wie viele Kirchen es gibt. Und so sind wir alle Geschwister als Kinder Gottes.

Lasst uns bei allen Unterschieden nie vergessen: Wir haben alle einen Vater im Himmel, unteilbar in seinem Sein, unteilbar in der Liebe.

Ich wünsche dir einen gesegneten Tag als Kind Gottes.

Frage: Wie kann ich heute bewusst aus dieser einen, unteilbaren Liebe Gottes leben und sie mit anderen teilen?

Dimension der Gemeinschaft im Vaterunser

Wir können das Vaterunser nicht beten, solange wir uns von der Gemeinschaft fern halten, nicht solidarisch sind. Es heißt ja: Gib uns unser Brot, vergib uns unsere Schuld.

Gott wollte die Gemeinschaft des Brotes, ja selbst der Sünder. Gott hat uns somit gelehrt, dass dieses Gebet notwendig geschwisterlich sei, dass man, um Sohn zu sein, Bruder bzw. Schwester sein muss.

Trenn ich mich von meinen Geschwistern, dann bin ich nicht mehr Sohn bzw. Tochter. Entzieht er sich der Gemeinschaft, so ist er kein Gotteskind mehr.

In Gott sind es drei Personen, die sich lieben. Gott ist eine Gemeinschaft von Personen, Gott ist Ausströmen, und die Menschen sind nach dem Bild Gottes geschaffen worden. Man ist nicht Vater für sich allein, ebenso wenig Sohn. Man ist nicht Geist des Austauschs und der Liebe für sich allein.

In Gott sind mehrere. Hörten wir auf, Geschwister zu sein, blieben wir getrennt, so wären wir Ebenbild eines einsamen Gottes.

Frage: Wo lebe ich heute Trennung – und wo lasse ich mich in die göttliche Gemeinschaft der Liebe hineinwandeln?

Gott, der du bist im Himmel

Gott ist im Himmel. In Jesus kam er zu uns auf die Erde. Er bleibt als Auferstandener bei uns alle Tage, ist inwendig in uns.

Wenn Gott in unserem Herzen wohnt, dann ist unser Herz der Himmel. Hier sprechen wir in aller Vertrautheit mit Gott.

Das Gebet will uns in Berührung bringen mit dem Himmel, der in uns ist.

Gott ist auch der Schöpfer der Welt, unverfügbar und nicht zu besitzen. Gott ist beides: Gott ist außerhalb von uns und in uns.

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. Angelus Silesius

Frage: Wo und wie spüre ich den Himmel in mir – und wie öffne ich mich dafür, dass Gott in mir wirken kann?

Geheiligt werde dein Name

Nach dem Anruf folgt nun die erste Bitte. Gottes Name soll geheiligt werde. Auch hier folgen wir Jesus nach, der die Herrlichkeit des Vaters offenbart hat.

Jesus verweist uns auf einen Gott, der einen Namen hat und der damit Person ist. Wir dürfen Gott begegnen, der uns als Du gegenübertritt und mit dem wir eine Beziehung eingehen können.

Gott in seiner Person soll für uns offenbar werden. In dieser Gottesbeziehung finden wir zu uns selbst und auch den Nächsten.

Frage: Wo erlebe ich in meinem Leben die Heiligkeit Gottes und wie verändert diese Begegnung meinen Blick auf mich und andere?

Geheiligt werde dein Name

Was bedeutet das?

Der Name Gottes wird geheiligt, wenn Gott selber in uns gegenwärtig wird, in uns lebt und wir aus ihm leben. Wir bitten darum, dass wir durch unser Leben das, was wir im Gottesdienst tun, fortsetzen: die Heiligung des Namens Gottes, dass er in der Welt sichtbar werde.

Gottes Name ist heilig. Der Begriff Name bedeutet im biblischen Sprachgebrauch das Wesen, die Wirklichkeit der Person selbst. Den Namen Gottes heiligen heißt: ihn als heilig anerkennen, ihn nicht missbrauchen für eigene Zwecke. Nicht wir machen ihn heilig, er ist heilig, sondern wir bitten, dass seine Heiligkeit auch unser Leben prägt.

Benedikt XVI

Achten Sie darauf, in Ihren täglichen Stürmen still zu werden und Ihren Blick auf Gott zu richten. Dann werden Sie erkennen, dass Gott Gott ist, und Sie können nicht umhin zu bekennen: Geheiligt werde dein Name. Max Lucado

Frage: Wo spüre ich in meinem Leben, dass Gottes Heiligkeit in mir lebendig werden will?

Das Heiligen des Namens als unsere Aufgabe

Durch unser Leben können wir den Namen Gottes heiligen.

Wenn der Mensch in der Nachfolge Jesus lebt und seinem Gebot der Liebe folgt, dann wird Gottes Name in der Welt geheiligt. Gottes Name wird sichtbar im Menschen, der sich nach seinem heiligem Willen richtet.

Gregor von Nyssa schreibt dazu: Wer betet: Geheiligt werde dein Name spricht zu Gott etwa in diesem Sinn: Hilf mir mit deiner Gnade, dass ich untadelig, gerecht, gottesfürchtig werde, ein Mensch, der sich jeder schlechten Tat enthält, der die Wahrheit redet, Gerechtigkeit übt, in Ehrlichkeit wandelt, durch Keuschheit leuchtet, mit Weisheit und Mäßigung sich schmückt, nach dem trachtet, was oben ist, das Irdische gering achtet.

Frage: Wie kann ich in meinem täglichen Leben dazu beitragen, dass Gottes Name durch mein Denken, Reden und Handeln geheiligt wird?

Vers2: Dein Reich komme

Lk 11,2: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auch auf Erden

Dein Reich komme

Jesus hat uns das Kommen des Reiches Gottes verkündigt. Wo dieses Reich Gottes kommt, da geschieht Heilung.

Eigentlich ist es nicht notwendig, um das Kommen seines Reiches zu bitten, denn das Reich Gottes wird kommen, ob wir wollen oder nicht. Die Bitte dient vielmehr dazu, in uns die Sehnsucht zu wecken nach der mystischen Erfahrung des Reiches Gottes, das in uns ist.

Wir beten, dass das Reich Gottes uns seelisch durchdringt und sich dadurch auch auf den Umgang mit unserem Nächsten auswirkt. Wir sind das Salz und das Licht der Erde, berufen, Gottes Reich in Wort und Tat zu verkündigen. In der Bitte um das Reich Gottes bitten wir darum, dass wir dieser Sendung auch gerecht werden können.

Frage: Wie kann ich im Alltag spürbarer zum Werkzeug des göttlichen Reiches werden und sein Licht in mir und durch mich leuchten lassen?

Andacht von Anselm Grün

Wir können es nicht sehen. Es ist innerlich. Es ist auf der Innenseite unserer Seele. Es ist der innere Raum der Stille, den jeder Mensch in sich trägt.

Oft ist dieser Raum aber durch den Lärm unserer Gedanken oder durch den Lärm dieser Welt zugestellt. Im Gebet sollen wir in diesen Raum der Stille gelangen, in dem Gott in uns wohnt und herrscht.

Dort, wo Gott in uns herrscht, sind wir frei. Dort haben Menschen keine Macht über uns. Ihre Ansprüche, ihre Erwartungen und ihre Urteile können in den Raum der Stille nicht eindringen. Auch unsere eigenen Selbstentwertungen, unsere Sorgen und Ängste und unsere Schuldgefühle haben dort keinen Zutritt.

Die Bitte um das Reich Gottes ist letztlich die Bitte um die mystische Erfahrung des inwendigen Reiches, des innersten Heiligtums der Seele, in dem wir eins sind mit Gott und durch ihn frei und heil und lauter und ursprünglich und echt.

Anselm Grün

Wenn dein Reich anbricht, fliehen Trauer und Jammer. Dafür kommen Leben, Friede und Freude. Gregor von Nyssa

Frage: Wie oft suchst du diesen inneren Raum der Stille auf – und spürst du dort die Gegenwart, die dich frei macht?

Die ersten drei Bitten im Zusammenhang

Betrachten wir zunächst, dass diese ersten drei Bitten an Gott eine einzigartige Beziehung zur Gottheit haben. Die erste Bitte befasst sich mit dem Vater: „Unser Vater … geheiligt werde dein Name.“

Die zweite Bitte richtet den Blick auf das „Königreich“; hier ist der Sohn gemeint. Jesus sprach viele Gleichnisse über den Sohn, der ein Königreich empfangen und als König der Könige zurückkehren würde. Ohne ihn könnten wir nicht einmal zum Vater gelangen.

Und was „deinen Willen“ betrifft: Wer führt uns in den Willen Gottes? Es ist der Geist, der uns den Willen Gottes und die Liebe zu Christus einprägt. Der Geist schenkt uns die Kraft, den Willen Gottes zu tun.

So werden in den ersten drei Bitten des Vaterunsers der Vater, der Sohn und der Geist auf besondere Weise dargestellt.

Frage: Wie spüre ich die Gegenwart von Vater, Sohn und Geist in meinem eigenen Leben und Handeln?

Dein Wille geschehe

Gott soll unsere Entscheidungen bestimmen, nicht unser Eigenwille. Der Wille Gottes möge in uns geschehen.

Das Beten um das Geschehen des Willens Gottes ist ein Ringen mit dem Vater, dass ich nicht weiter meine Vorstellungen durchsetzen will, sondern dass Gottes Bild von mir und meinem wahren Wesen erkennbar und in mir verwirklicht wird.

Die Bibel zeigt auf, wie Jesus dem Willen des Vaters gegenüber gehorsam ist. Die Bitte, dass Gottes Wille geschehe, ist daher auch ein Weg zur innigen Gemeinschaft mit Jesus. Wir bitten darum, dass wir uns wie Jesus auf Gottes Willen einlassen können.

Mit Faustinas Worten: Alles, was auf mich zukommt, nehme ich als Gabe des liebenden Willens Gottes an, der aufrichtig mein Glück will.

Frage: Wie kann ich in meinem Alltag immer wieder den Willen Gottes über meinen eigenen stellen und dadurch inneren Frieden finden?

Vers 3 Gib uns täglich Brot

Lk 11,3: Gib uns täglich unser nötiges Brot!

Unser tägliches Brot gib uns heute

Diese Bitte kann wörtlich verstanden werden. Seien wir dankbar für die Nahrung, die uns am Leben erhält. Lasst uns nie um Reichtum beten. Und seien wir immer ganz im Heute und hüten uns vor der Sorge des Morgens: Der den Tag dir gibt, der gibt dir auch das, was zu dem Tage gehört!

Diese Bitte kann ebenso geistig verstanden werden. Christus ist das Brot des Lebens. Wir bitten darum, dass wir eins mit ihm seien, dass er sich uns selbst jeden Tag neu gibt.

Cyprian schreibt: Dass uns Christus, das Brot des Lebens täglich zuteil werde, darum bitten wir, damit wir, die wir in Christus sind und seine Eucharistie täglich empfangen, vom Leib Christi nicht getrennt werden.

Frage: Wie kannst du im Alltag bewusst die Verbindung zu Christus spüren und die Fülle des gegenwärtigen Moments wahrnehmen?

Das täglich nötige Brot

Empfange täglich, was dir täglich nützen kann.
Lebe so, dass du es täglich zu empfangen verdienest.

Der Tod des Herrn und die Nachlassung der Sünden wird bezeichnet; wer eine Wunde hat, sucht eine Arznei.
Es ist eine Wunde, da wir unter der Sünde sind; eine Arznei ist das himmlische und anbetungswürdige Sakrament.

Wenn du es täglich genießt, hast du täglich Heute, steht dir Christus täglich auf.
Denn heute ist, wann Christus aussteht.

Goldene Kette

Frage: Wie kannst du heute bewusst Christus in deinem Leben empfangen und die heilende Kraft seines Sakraments spüren?

Vers 4 Vergib uns unsere Sünden

Lk 11,4: Vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der uns etwas schuldig ist!

Wille zur Vergebung

Im Vaterunser bekennen wir unseren Willen zu vergeben. Es ist oft schwer, weil Verletzungen tief sein können, aber Gott sieht unser Bemühen.

Wenn wir es dann doch schaffen, von Herzen zu vergeben, dann befreit uns das von viel negativer Energie. Vergebung reinigt.

Das Vaterunser erinnert uns auch daran, dass wir immer wieder selbst schuldig werden und auf Vergebung angewiesen sind.

Frage: Wo spüre ich in meinem Leben den Ruf, loszulassen und wahrhaft zu vergeben?

Vergib wie auch wir vergeben

Wer betet: Vergib uns unsere Sünden, bittet um die Kraft zur Umkehr und wird hineingenommen in die Bewegung der göttlichen Barmherzigkeit.

Gott ist Liebe. Er liebt uns, weil er gut ist, nicht weil wir gut sind.

Der Mensch braucht die Vergebung. Sie ist die tiefste Form der Liebe. Der Mensch, der Gott in dieser Vergebung seiner Sünden begegnet, wird fähig, auch selbst zu vergeben.

Im Vaterunser bekennen wir unseren Willen zu vergeben. Ja, dies ist oft schwer, weil Verletzungen tief sein können, aber Gott sieht unser Bemühen. Wenn wir es dann doch schaffen, von Herzen zu vergeben, dann befreit uns das von viel negativer Energie.

Vergebung reinigt. Das Vaterunser erinnert uns auch daran, dass wir immer wieder selbst schuldig werden und auf Vergebung angewiesen sind.

Frage: Wo erlebe ich die befreiende Kraft der Vergebung – bei mir selbst und im Umgang mit anderen?

Andacht von Anselm Grün

Die Bitte um die Vergebung führt uns auch tief hinein in das Geheimnis Jesu Christi.
Jesus selbst hat Menschen die Vergebung der Sünden zugesprochen.
Er hat Sünderinnen und Sündern immer wieder Mut gemacht, an Gottes Vergebung zu glauben.

Am Kreuz wird Gottes vergebende Liebe für uns am klarsten sichtbar.
Die Bitte Jesu am Kreuz ermöglicht es uns, unseren Brüdern und Schwestern zu vergeben.
Wir können mit Jesus für sie beten: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Dann werden wir ihnen ihr Tun nicht mehr vorwerfen.
Wir spüren dann, dass sie in der Tiefe ihres Herzens nicht gewusst haben, was sie uns mit ihren Worten oder ihrem Verhalten angetan und wie sehr sie uns verletzt haben.

Anselm Grün

Frage: Wo in meinem Leben bin ich eingeladen, in Jesu Geist der Vergebung loszulassen und Frieden in mein Herz einkehren zu lassen?

Andacht von Johannes Cassianus

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!

O unaussprechliche Güte Gottes! Er gibt uns damit nicht nur ein Modell, wie wir beten sollen, er stellt nicht nur die Lebensregel auf, nach der wir in seinen Augen Gefallen finden können; diese Formel, die er uns lehrt und von der wir nach seinem Gebot beim Beten beständig Gebrauch machen sollen, stellt selbst eine Mahnung dar, mit der er geradezu zwangsläufig die Wurzeln des Zornes und der Traurigkeit aus uns herausreißt.

Damit nicht genug: Er gibt uns die Gelegenheit und macht es uns leicht, ihn durch dieses Gebet zu einem nachsichtigen und barmherzigen Urteil über uns zu bewegen; er gibt uns gewissermaßen die Macht, selbst den Urteilsspruch, der uns erwartet, zu mildern und ihn durch das Beispiel unserer eigenen Nachsicht zur Vergebung zu verpflichten, wenn wir zu ihm sagen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben.“

Kraft dieses Gebetes wird jener die Verzeihung seiner Sünden mit Zuversicht erbitten, der sich seinen Schuldnern gegenüber vergebungsbereit gezeigt hat. […] Wollen wir mit Milde gerichtet werden, dann lasst uns auch selbst denen gnädig sein, die uns Unrecht getan haben. Es wird uns in dem Maß vergeben werden, wie wir denen vergeben, die uns Böses getan haben, worin auch immer ihre Bosheit bestanden haben mag.

Johannes Cassianus

Frage: Wo spüre ich in mir noch Unversöhntes – und bin ich bereit, es in Gottes Barmherzigkeit zu legen?

Vers 4 Führe uns nicht in Versuchung

Lk 11,4: Führe uns nicht in Versuchung.

Führe uns nicht in Versuchung

Gott selbst versucht uns nicht. In diesen Worten bitten wir, dass uns Gott beisteht, damit wir in der Versuchung standfest bleiben.

Auch hier folgen wir Jesus, der ebenso mit der Versuchung zu kämpfen hatte. Weil Jesus selbst versucht worden ist, kann er uns in unserer Versuchung beistehen.

So erfahren wir gerade in der Versuchung eine besondere Nähe zu Jesus. Er versteht uns und er hilft uns, damit wir der Versuchung nicht erliegen.

Frage: Wann habe ich zuletzt gespürt, dass Jesus mich in einer schwierigen Prüfung getragen hat?

Andacht von Benedikt XVI

Gott versucht niemanden zum Bösen. Die Versuchung kommt von anderswo. Es ist eine Bitte um Hilfe, dass wir nicht in Situationen geraten, in denen wir der Sünde erliegen würden.

In der Versuchung geht es letztlich darum, ob wir Gott mehr trauen als den Verlockungen des Augenblicks. Wir bitten darum, dass uns nicht das Maß überschritten werde, das uns tragen lässt. Dass Gott nicht von uns lasse, dass er uns an der Hand nehme.

Wenn wir den Herrn bitten: Führe uns nicht in Versuchung, sagen wir ihm: Ich weiß, dass ich der Prüfung nicht gewachsen bin, dass ich der Versuchung unterliegen würde, dass ich der Kraft des Bösen nicht gewachsen bin. Die Bitte bedeutet: Ich weiß, dass ich dich brauche, dass ich deinen Schutz brauche. Dass du mich nicht allein lassen sollst. Rechne nicht mit meiner Stärke. Lass mich nicht den Weg allein gehen.

Die Bitte schließt daher die Erkenntnis unserer Schwäche ein. Wir müssen um eine Wachsamkeit bitten, die Herz und Verstand klärt.

Benedikt XVI

Frage: Wo in meinem Leben brauche ich Gottes Hand, um der Versuchung zu widerstehen – und habe ich den Mut, meine Schwäche vor ihm einzugestehen?

Andacht von Charles de Foucauld

Führe uns nicht in Versuchung, ist wie der Schrei Hilfe!, der in jeder Stunde und von einem jeden menschlichen Geschöpf in diesem schmerzhaft zu führenden Lebenskampf ertönt.

Ohne Unterlass von den Dämonen bestürmt, fallen die Welt und die geschundene Schöpfung in Ohnmacht, ohne Kampfunterbrechung, jeden Moment verletzt und getötet, in sich nichts als Schwäche findend.

Der Mensch hat kein anderes Mittel des Sieges als die Macht Gottes. In jeder Stunde und in jedem Augenblick muss er Ihm zurufen: Hilfe!

Frage: Wo in meinem Leben spüre ich die stille Not, in der ich Gottes Hilfe besonders brauche, und wie kann ich mich ihm dabei ganz anvertrauen?

Vers 4 Erlöse uns von dem Bösen!

Lk 11,4: Erlöse uns von dem Bösen!

Erlöse uns von dem Bösen

Das Böse begegnet uns in unserer Welt, aber ebenso in unserem Innern. Wir kennen es doch alle immer wieder: böse Gedanken, in die Irre führende Begegnungen, sinnlose Leiden, Drangsale und der böse Trieb.

Es als gegeben hinnehmen? So bin ich halt! Nein! Unser Leben ist immer auch geistlicher Kampf.

Unterwerfen wir daher nach besten Kräften unseren freien Willen der ewig der himmlischen Liebe auf. Franz von Sales schreibt: Nie hat mein Wille so viel Leben als im Augenblick, wo er sich selbst stirbt, und nie ist mein Wille so tot, als wenn er für sich selbst lebt.

Machen wir uns zu Sklaven der Liebe.

Frage: Wo in meinem Leben kämpfe ich noch darum, meinen Willen ganz der Liebe Gottes zu übergeben?

Wer ist gemeint mit Erlöse uns von dem Bösen?

Mit „dem Bösen“ im Vaterunser ist nicht eine negative geistige Kraft oder Energie gemeint, sondern der Böse in Person, den die Heilige Schrift unter den Namen Versucher, Vater der Lüge, Satan oder Teufel kennt. Niemand wird leugnen, dass das Böse in der Welt von verheerender Gewalt ist, dass wir von teuflischen Einflüsterungen umgeben sind, dass in der Geschichte oft dämonische Prozesse ablaufen.

Nur die Heilige Schrift nennt die Dinge beim Namen: „Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt“ (Eph 6,12).

Die Vaterunser-Bitte, vom Bösen erlöst zu werden, trägt das ganze Elend dieser Welt vor Gott und fleht darum, dass Gott, der Allmächtige, uns von allen Übeln befreit, wie es auch im Embolismus zum Ausdruck kommt.

Ein gutes Mittel, uns in Herzenserhebungen zu üben, besteht darin, das Vaterunser nacheinander herzunehmen, indem man für jeden Tag einen Satz wählt.

Frage: Wie kann ich heute in meinem Alltag Gottes Schutz und Befreiung von allem Bösen bewusst erfahren und spüren?

Worte über das Vater unser

Es ist unmöglich, das Vaterunser zu sprechen und dabei auf jedes Wort die ganze Aufmerksamkeit zu richten, ohne dass in der Seele eine vielleicht unendlich kleine, aber tatsächliche Veränderung bewirkt wird. Simone Weil

Welch erhabene Vollkommenheit liegt in diesem Gebet! Wie sehr erkennt man darin die göttliche Weisheit dessen, der es verfasst hat! Wie dankbar müssen wir dafür sein! Es reißt mich zur Bewunderung hin, wie es in so wenigen Worten alles enthält, was zur Vollkommenheit und Beschauung gehört. Teresa von Ávila

Je länger man das Vaterunser betet, je mehr sieht man ein, wie wenig man es versteht, und wie wert es ist, verstanden und bedacht zu werden, um unbekannten Schätzen auf die Spur zu kommen. Matthias Claudius