Mt 9, 9-13 Die Berufung des Matthäus
Inhaltsverzeichnis
Parallelstellen: Mk 2,13-17; Lk 5,27-32
Vers 9 Berufung des Matthäus
Mt 9,9: Als Jesus weiterging, sah er einen Mann am Zoll sitzen. Er hieß Matthäus. Jesus forderte ihn auf: Komm, folge mir nach! Sofort stand Matthäus auf und ging mit ihm.
Zöllner als Außenseiter
Das jüdische Volk betrachtete sie zu Recht als Verräter, weil sie für die römische Regierung arbeiteten und die Macht römischer Soldaten hinter sich hatten, um die Menschen dazu zu bringen, Steuern zu zahlen. Sie waren die sichtbarsten jüdischen Kollaborateure mit Rom.
Wenn ein Jude in den Zolldienst eintrat, galt er als Ausgestoßener aus der Gesellschaft. Er wurde als Richter oder Zeuge in einer Gerichtsverhandlung disqualifiziert, aus der Synagoge exkommuniziert, und in den Augen der Gemeinde erstreckte sich seine Schande auf seine Familie.
Frage: Wie gehst du mit inneren Konflikten um, wenn deine Pflichten und deine Werte im Widerspruch stehen?
Es genügt der Blick Jesu
Ein Sehen, das nicht am Äußeren hängen bleibt, sondern tiefer geht, ein Sehen, das das Verwundete, Verschüttete, Sehnsüchtige wahrnimmt, ein Sehen, das Ansehen schenkt dem Unansehnlichen.
Zöllner galten berufsmäßig als Sünder. Ausgerechnet einen Zöllner beruft Jesus in seine Nachfolge. Dieser steht sofort auf und folgt Jesus. Kein Zögern, kein Nachfragen, kein Erst noch, kein Wenn und kein Aber. Auf der Stelle ist er bereit, alles zu verlassen und sein Leben zu ändern.
Eine Bekehrung von 0 auf 100. Eine Sehnsucht ist in ihm geweckt worden, eine Sehnsucht nach mehr, nach erfüllterem, nach heilem und befreitem Leben.
Bitten wir Gott jeden Tag neu um die Gnade, das Angebot zur Umkehr und Nachfolge ohne viel Fragerei anzunehmen, ganz einfach, mit grenzenlosem Vertrauen.
Frage: Welche Sehnsucht in mir wartet darauf, von mir erkannt und angenommen zu werden?
Jesus sieht uns so, wie wir sind
Und Jesus sah Matthäus am Zoll sitzen. Mit diesen Worten wird so viel über das Verhältnis ausgesagt, das Jesus in diesem kurzen Augenblick zu Matthäus aufgebaut hat.
Es ist sein tiefer Blick der Liebe. Er sieht Matthäus so, wie er ist, ein Mann mit seinen Stärken, aber eben auch mit seinen dunklen Seiten. Und gerade diesen Mann, so wie er ist, schaut Jesus in Liebe an und hat den Wunsch, dass er sein Leben auf Gott den Vater hin ausrichtet.
Auf diese Art und Weise schaut uns der Herr auch an. Er kennt uns vom ersten Augenblick unseres Lebens an. Lassen wir uns von ihm anschauen und hören wir, was er uns sagen möchte.
Br. Jonathan Fuhr
Frage: Welche Seiten in mir sehne ich mich, von Gottes Liebe besonders gesehen und angenommen zu wissen?
Mich finden lassen
Oft sind wir auf der Suche nach Gott und bemühen uns, bestimmte Dinge zu tun, um ihm zu begegnen. Wir ergreifen Hunderte von Initiativen, um ihm trotz aller Schwierigkeiten nahe zu sein.
Das Wort des Evangeliums sagt uns heute etwas ganz anderes: Jesus ergreift selbst die Initiative. Manchmal könnte also die Gefahr bestehen, dass wir uns selbst in den Mittelpunkt der Beziehung mit dem Herrn stellen und dass uns das blind für seine Initiative macht.
Pablo Rodríguez de la Gala Sánchez
Frage: Wann habe ich zuletzt gespürt, dass Gott die Initiative in meinem Leben ergriffen hat, und wie kann ich mich mehr für sein Wirken öffnen?
Folge Jesus nach
Folge dem nach, der zwar der König der Könige, der Herr der Herrschenden, in welchem sich alle Schätze der Weisheit finden, und der doch am Kreuze da hängt: entblößt, verspottet, angespuckt, geschlagen, mit Dornen gekrönt, mit Essig und Galle getränkt, gestorben.
Hänge dich daher nicht an Kleiderpracht und Reichtum, weil sie seine Kleider unter sich verteilt, nicht an Ehren, da er Spott und Schläge erfahren, nicht an Würden, da sie eine Dornenkrone aufs Haupt ihm setzten, nicht an Lüste, da in seinem Durste sie ihn tränkten mit Essig.
Frage: In welchen Bereichen deines Lebens könntest du dich lösen von äußeren Versprechen und tiefer in die Demut und Weisheit eintreten, die jenseits von Glanz und Macht liegt?
Macht des Rufenden und Gehorsam des Gerufenen
Wie du die Macht des Rufenden gesehen hast, so lerne auch den Gehorsam des Gerufenen kennen.
Denn er widerstand nicht, er bat nicht nach Hause zu gehen und es den Seinigen mitzuteilen.
Denn wenn der Magnet diese Kraft besitzt, das Eisen anzuziehen, um wie viel mehr konnte der Herr aller Kreaturen die, welche er wollte an sich ziehen?
Goldene Kette
Frage: Welche innere Stimme spürst du in deinem Leben, die dich leise ruft, und wie könntest du ihr mit Vertrauen folgen?
Er stand auf
Er stand auf, heißt es, und gemeint ist weit mehr als eine äußerliche Erhebung. Dass Matthäus aufstand, war das sichtbare Zeichen einer inneren Entscheidung. Er unterbrach seine Arbeit, richtete seinen Blick auf Christus und stellte sein Leben unter eine neue Priorität. Gottes Gnade und seine freie Antwort hatten seine Werteskala umgedreht: Nicht mehr Geld, Ansehen oder Bequemlichkeit bestimmten sein Leben, sondern die Nachfolge Jesu.
Vers 10 Essen mit Zöllnern
Mt 9,10: Später war Jesus mit seinen Jüngern bei Matthäus zu Gast. Matthäus hatte auch viele Zolleinnehmer und andere Leute mit schlechtem Ruf zum Essen eingeladen.
Solidarität mit den Sündern
Zöllner und Sünder essen mit Jesus und den Seinen. Jesus nimmt die Einladung an. Er erweist sich solidarisch.
Tischgemeinschaft als Ausdruck von Wertschätzung, Zuwendung, ja beginnender Freundschaft. Er ist ja gekommen, um Heil und Erlösung zu bringen für alle. Gerade den Gestrauchelten, Gestrandeten, den Verlorenen und Heillosen gilt seine Liebe.
Die Armen und Kranken liegen ihm besonders am Herzen. Ihnen wendet er sich vor allem zu. Dadurch bezeugt er das vorbehaltlose Ja Gottes zu jedem Menschen, auch den Sündern.
Frage: Wie kann ich in meinem eigenen Leben Menschen willkommen heißen, die oft übersehen oder ausgegrenzt werden?
Jesus möchte bei uns zu Gast sein
Jesus möchte im Haus des Matthäus zu Gast sein. Was für eine große Gnade für ihn!
Denn wenn Jesus zu Gast ist, dann bringt er seine Liebe mit. Die ganze Umgebung verändert sich, weil Jesus mit seiner Liebe die Menschen zum einen dort abholt, wo sie gerade stehen, und zum anderen für jede Krankheit die richtige Arznei hat.
Jesus weiß, was für ein Mensch Matthäus ist, doch er ist barmherzig mit ihm. Das heißt, er billigt nicht, was Matthäus tut, möchte ihm aber eine Chance geben. Er will ihn von allem befreien, was ihn an sein sündiges Leben bindet.
Jonathan Fuhr
Frage: Wo in meinem Leben könnte ich Jesus einladen, damit seine Liebe Heilung und Freiheit bringen kann?
Vers 11 Kritik der Pharisäer
Mt 9,11: Als die Pharisäer das sahen, fragten sie seine Jünger: Weshalb gibt sich euer Lehrer mit solchen Sündern und Betrügern ab?
Gefahr der Selbstgerechtigkeit
Menschen, die sich besonders intensiv bemühen, gerecht zu leben, halten sich schnell für besser als andere. Ich bin schon viel zu oft in diese Versuchung getappt!
Was an und für sich gut ist, wird unangenehm, wenn man es den anderen unter die Nase reibt und damit die eigene moralische Überlegenheit hervorhebt.
In unserem Bemühen um Gerechtigkeit fixieren wir uns so sehr, dass das Wesentliche gar nicht mehr wahrgenommen wird: dass es Gott in allen Geboten um die Liebe zu ihm und den Menschen geht.
Alle Tugenden aber, die von der Liebe getrennt sind, sind sehr unvollkommen.
Mische daher deine Worte der Gerechtigkeit stets mit Barmherzigkeit und Milde!
Frage: In welchen Momenten lasse ich die Liebe hinter der Gerechtigkeit zurück, und wie könnte ich sie stärker miteinander verbinden?
Der Pharisäer in mir
Die Pharisäer müssen sehr empört gewesen sein, als sie Jesus und seine Jünger beim Festmahl mit Menschen sahen, die ganz offensichtlich Sünder, Zöllner oder Betrüger waren.
An ihrer Reaktion erkenne ich auch den kleinen Pharisäer in mir, der sich schnell über andere erhebt, neidisch wird und über andere urteilt.
Der polnische Primas Kardinal Wyszyński sagte einmal: Achte jeden Menschen, denn Christus lebt in ihm. Denke gut über jeden. Bemühe dich, selbst im Schlimmsten etwas Gutes zu finden.
Betti Duda
Frage: In welchen Momenten erkenne ich in mir selbst die Neigung, über andere zu urteilen, und wie könnte ich stattdessen das Gute in ihnen wahrnehmen?
Zweifaches Unrecht
Sie begingen aber ein zweifaches Unrecht, weil sie sich selbst für gerecht hielten, da sie sich doch durch ihren Stolz weit von der Gerechtigkeit entfernt hatten, und weil sie die als ungerecht anschuldigten, welche sich von ihren Sünden bekehrten und der Gerechtigkeit näherten. Goldene Kette
Die grundlegende christliche Erfahrung
Manchmal denken wir – vielleicht ähnlich wie die Pharisäer –, dass ein guter Christ immer stark ist und möglichst keine Schwäche hat. Aber das ist es nicht, was einen Christen ausmacht.
Die zentrale Eigenschaft eines Christen ist vielmehr, dass er sich von seinem Erlöser retten lässt. Das geschieht nicht nur unserer Schwachheit zum Trotz, sondern ist gerade erst wegen ihr möglich.
In unserem christlichen Glauben geht es nicht so sehr darum, was wir selbst leisten können und tun, sondern darum, was Gott in uns tut. Gott handelt vor allem in der Schwachheit.
„Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“, weil ich in der Erfahrung meiner Schwachheit voller Demut in die Arme meines Erlösers laufe, in die Arme des Arztes, der mich heilen will.
Michael Hemm
Frage: Wo in meinem Leben darf ich meine Schwachheit heute bewusst annehmen und sie als Einladung sehen, Gottes Stärke zu erfahren?: Wo in meinem Leben darf ich meine Schwachheit heute bewusst annehmen und sie als Einladung sehen, Gottes Stärke zu erfahren?
Der Neid der Pharisäer
Die Pharisäer können das überhaupt nicht verstehen. Wie kann denn Jesus in das Haus eines Sünders gehen und dort auch noch zusammen mit anderen Sündern essen? Und sie, die Gerechten, die alles richtig machen, jede Regel befolgen, sind nicht dabei.
Die Pharisäer fühlen sich übergangen und sind von Neid erfüllt. Sie wagen es aber nicht, es Jesus ins Gesicht zu sagen oder ihn darüber zu befragen. Sie wenden sich an die Jünger, denn feige sind sie auch noch.
Ellen Charlotte Petermann
Frage: Wo in meinem Leben könnte ich offener für Menschen sein, die anders sind als ich, und ihnen mit Mitgefühl begegnen?
Vers 12-13 Barmherzigkeit statt Opfer
Mt 9,12: Jesus hörte das und antwortete: Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken!
Unsere eigene Bedürftigkeit
Wie aber die Gesunden des Arztes nicht bedürfen, solange sie gesund sind,
dagegen die Kranken die ärztliche Kunst nötig haben, so haben auch wir den Heiland nötig,
da wir in unserem Leben an den schmählichen Begierden und den tadelnswerten Zügellosigkeiten
und den übrigen Entzündungen der Leidenschaften krank sind.
Begreiflicherweise bedürfen also wir Kranke des Heilbringers, wir Verirrte des Führers
und wir Blinde des Erleuchters und wir Durstige der lebendigen Quelle (vgl. Joh 4,14),
deren Wasser die von ihr Trinkenden nie mehr dürsten lässt;
Und die Toten haben das Leben nötig,
und den Hirten die Schafe,
und die Kinder den Erzieher,
aber auch die ganze Menschheit Jesus.
Clemens von Alexandrien
Frage: Welche „Quelle“ könntest du in deinem Leben entdecken, die dich wirklich stillt und innerlich erfüllt?
Arzt und Kranker
Er nennt sich selbst Arzt, der nach einer wunderbaren Heilweise wegen unserer Sünden verwundet wurde (Jes. 53), um die Wunde unserer Sünden zu heilen.
Gesund nennt er nur jene, welche ihren Willen als Gerechtigkeit ausstellen wollen und daher der wahren Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen sind (Röm. 10).
Krank nennt er jene, welche von ihrer Gebrechlichkeit überzeugt sind, keine Rechtfertigung durch das Gesetz kennen und daher durch Buße sich der Gnade Gottes unterwerfen.
Goldene Kette
Frage: In welchen Bereichen meines Lebens erkenne ich meine eigene Gebrechlichkeit, und wie könnte ich mich in Demut der Gnade Gottes öffnen?
Jesus als Arzt
Wir sind eingeladen, bei Jesus Heilung zu erfahren. Jesus sieht sich als Arzt, als Therapeut. Er sieht sich gesandt für die Kranken, die Heillosen, für alle, die in der Sünde an sich selbst vorbei leben.
„Ich bin gekommen“, sagt Jesus einmal, „um zu suchen, was verloren war, und zu heilen, was verwundet ist.“ Das ist seine Sendung. Das ist der Wille des Vaters.
Wir sind eingeladen, mit unseren Verwundungen, Verletzungen und Enttäuschungen zu ihm zu kommen, der gekommen ist, um die Verlorenen zu suchen und die Verwundeten zu heilen.
Frage: Welche inneren Wunden darf ich heute bei Jesus ablegen, um Heilung und Frieden zu erfahren?
Nicht die Gesunden brauchen den Arzt
Seien Sie froh, dass Sie Sünder sind, sonst wäre Christus ja gar nicht für Sie zuständig!“, habe ich vor Jahren in einer Predigt gehört und nie vergessen.
In der Osternacht singt der Diakon: „O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“
Ist es nicht großartig, wie Gott aus den schlimmsten Dingen – hier der Sünde – etwas Wunderbares schafft? Unsere Schuld verwandelt er in eine Liebeserklärung!
Jesus sagt mir jetzt und hier: Ich liebe dich! Ich liebe dich mehr als mein Leben! Ja, genau dich!
Frage: Welche „glückliche Schuld“ in deinem Leben könnte dich näher zu der Liebe führen, die Jesus dir schenkt?
Mt 9,13: Geht aber hin und lernt, was das heißt: Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer. Denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße.
Bedeutung der Barmherzigkeit
Jesus greift hier ein Wort des Propheten Hosea (6,6) auf und spitzt es zu: Nicht auf äußere Werke des Gesetzes kommt es an, sondern auf Liebe und Barmherzigkeit.
Diese Barmherzigkeit drückt das Wesen Gottes aus. Es ist das Wesentliche im Wirken Jesu. Es ist das Kennzeichen des Reiches Gottes, das in Jesus beginnt. Herzliches Erbarmen und helfende Liebe ist der Dienst, den Gott eigentlich will.
Ohne Barmherzigkeit, ohne Liebe, die dem anderen Gutes will und Gutes tut, ist alles Beten, Fasten und Opfern frommes Getue und unser ganzer Gottesdienst nicht viel wert.
Für uns kann das heißen: Versuchen, sich einzufühlen, möglichst alles Urteilen zu lassen und schon gar nicht zu verurteilen, niemanden abzuschreiben, sondern Not zu sehen, Verständnis aufzubringen, sich einzufühlen, mitzufühlen, liebende Zuwendung und herzliches Erbarmen zu schenken.
Frage: In welchen Situationen fällt es mir schwer, Liebe und Barmherzigkeit zu zeigen, und wie kann ich bewusst daran arbeiten, diese Haltung zu leben?
Berufung der Sünder
Dies ist der Inhalt der Sendung Jesu. Die Sünder, die ihr Leben verfehlt haben, die gescheitert sind, die an sich selbst vorbei gelebt haben, verstehen am ehesten seine Worte.
Sie, die um ihre Armut, Begrenztheit und Heillosigkeit wissen, sind offen für seine Botschaft. Sie nehmen Gottes Zuwendung an. Sie sehnen sich nach Erlösung und Heil.
Spüre ich, wie bedürftig ich bin, bedürftig des Heiles, der Vergebung, des Erbarmens und einer Liebe, die sich auch mir vorbehaltlos zuwendet und mich bedingungslos annimmt?
Fliehen wir nicht vor dem Herrn, sondern wenden uns ihm zu, gedenkend, was er alles für uns tat und tut!
Frage: Wo in meinem Leben spüre ich die tiefste Sehnsucht nach Heil, Vergebung und bedingungsloser Liebe?