Mt 27, 45-56 Jesus stirbt

Vers 45 Finsternis im Land

Mt 27,45: ‭Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.‭

Finsternis

Diese dreistündige Dunkelheit symbolisiert das göttliche Gericht und den Ernst von Jesu Kreuzigung. Die sechste bis neunte Stunde (12–15 Uhr) war normalerweise die hellste Zeit des Tages, doch hier wird sie zur tiefsten Finsternis – ein Zeichen für das Leid und die Trennung Jesu von Gott.

Theologisch deutet diese Dunkelheit auf alttestamentliche Gerichtsmotive hin (Amos 8,9) und verweist auf das große eschatologische Ereignis. Sie verdeutlicht die Tragweite des Sühneopfers Jesu für die Sünden der Welt.

Zudem spiegelt sie den Schmerz der Schöpfung wider, die auf den Tod des Messias reagiert. In diesem Moment trägt Jesus die Sünde der Welt und erlebt die Gottverlassenheit.

Frage: Wie kann ich die Tiefe von Jesu Leiden in meinem eigenen Leben erkennen und welche Bedeutung hat dies für meine persönliche Beziehung zu Gott?

Vers 46 Schrei nach Gott

Mt 27,46: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Psalm 22

Jesus betet hier den großen Psalm 22, der mit diesem Vers beginnt. So nimmt er alle an der Verborgenheit Gottes leidenden Menschen dieser Welt in sich hinein.

Er trägt den Notschrei der Welt vor das Herz Gottes selber hin. Die ganze Passion ist in dem Psalm gleichsam vorab geschildert: die öffentliche Demütigung, der Hohn und das Kopfschütteln der Spötter, die Schmerzen, der entsetzliche Durst, das Durchbohren der Hände und Füße und das Verlosen der Kleider.

Aber nicht nur die Passion, sondern auch die Gewissheit der Erhörung, die sich zeigen wird in der Auferstehung, ist im Psalm enthalten. Der Ruf in der äußersten Not ist zugleich Gewissheit der göttlichen Antwort, Gewissheit des Heils – nicht nur für Jesus selbst, sondern für viele.

Frage: In welchen Momenten meines Lebens spüre ich den Ruf nach Gott am stärksten, und wie kann ich ihm vertrauensvoll begegnen?

Andacht von Papst Franziskus

In der tragischsten Stunde erlebt Jesus das Gefühl, von Gott verlassen zu sein. Nie zuvor hatte er den Vater mit dem allgemeinen Namen Gott angerufen. Um uns die Wucht dieses Ereignisses zu vermitteln, gibt das Evangelium den Satz auch auf Aramäisch wieder. Dieser ist der einzige der Sätze, die Jesus am Kreuz gesagt hat, der uns in der Originalsprache überliefert ist.

Das reale Ereignis ist die extreme Erniedrigung, die Verlassenheit durch seinen Vater, die Verlassenheit durch Gott. Der Herr leidet aus Liebe zu uns so sehr, dass es für uns schwierig ist, es überhaupt zu begreifen. Er sieht den Himmel verschlossen, er erlebt die bittere Grenze des Lebens, den Schiffbruch der Existenz, den Zusammenbruch jeder Gewissheit. Er schreit dieses „Warum“ schlechthin: „Du, Gott, warum?“

Frage: In welchen Momenten meines Lebens habe ich die Erfahrung von Verlassenheit gemacht, und wie kann ich diese Momente mit Vertrauen und Liebe transformieren?

Vers 47-48 Elia-Missverständnis

Mt 27,47: Etliche der Anwesenden sprachen, als sie es hörten: Der ruft den Elia!‭

Der missverstandene Jesus

Eines der ersten Dinge, die wir über Jesus wissen, war, dass er missverstanden wurde. Als Joseph und Maria ihn in Jerusalem zurückließen, verstanden sie nicht, dass er sich um die Geschäfte seines Vaters kümmern musste.

Jetzt, am Ende seines irdischen Wirkens, wird er auch am Kreuz missverstanden. Jesus wusste, was es bedeutete, wenn seine Beweggründe missverstanden wurden. Er heilte Menschen, und andere sagten, er habe es durch den Teufel getan. Er streckte die Hand nach Sündern aus, und die Leute nannten ihn ein betrunkenes Schwein.

Auch die Motive der Nachfolger Jesu werden manchmal missverstanden.

Frage: In welchen Momenten deines Lebens fühlst du dich missverstanden, und wie kannst du lernen, innerlich trotzdem in deiner Wahrheit zu bleiben?

Mt 27,48: ‭Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.‭

Vers 49 Warten auf Elia

Mt 27,49: ‭Die Übrigen aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, um ihn zu retten!‭

Lasst uns sehen, ob Elia kommt

Die Erwartung, dass Elija kommt, wurzelt in der jüdischen Tradition (Mal 3,23). Doch die Menge verkennt Jesu wahre Identität und sein Werk der Erlösung.

Diese Szene verdeutlicht das Unverständnis der Menschen für Gottes Heilsplan: Statt göttliches Eingreifen zu erwarten, verhöhnen sie Jesus. Doch gerade durch sein Leiden und Sterben wird die Erlösung vollbracht.

Der Vers lädt zur Reflexion ein: Erkennen wir Jesus als den verheißenen Retter oder begegnen wir ihm mit Zweifel?

Frage: In welchen Momenten meines Lebens fällt es mir schwer, das Wirken Gottes zu erkennen, und wie könnte ich sensibler für seine Gegenwart werden?

Vers 50 Jesu Tod

Mt 27,50: ‭Jesus aber schrie nochmals mit lauter Stimme und gab den Geist auf.‭

Jesus am Kreuz

Ich überlege vor allem, wer der ist, der so hangend erhöht ist, und sehe durch die Inschrift, dass es Jesus von Nazaret, der König der Juden, ist.

Ist das also, sage ich, der große Jesus, der so viele Wunder gewirkt, sein ganzes Leben gepredigt und Akte der Tugend gemacht hat? Ist das der Sohn des ewigen Gottes, der der Herr des Himmels und der Erde ist? Und wieso hängt er nun am Kreuz? Konnte er nicht auf tausend ehrenhaftere Arten sterben, die sanfter und erträglicher sind, wenn er schon sterben wollte?

Man muss wohl sagen, dass dieser Tod eine bestimmte verborgene Schönheit besitzt, da er vom Sohn Gottes selbst gewählt wurde. Welcher Bewunderung wird oder kann dieses Wunder würdig sein?

Ich betrachte die Haltung des Erlösers, an der ich höchste Güte und Sanftmut sehe. Seine Augen sind durch die Schmerzen keineswegs getrübt und durch die Kränkungen nicht erzürnt. O wie gütig ist dieses Lamm! Wer wird mir die Gnade geben, dass ich inmitten von Mühen und Kränkungen ebenso sein kann?

Franz von Sales

Er gab sein Leben auf, weil er es wollte, wann er es wollte und wie er es wollte. Augustinus

Frage: Wie kann ich in meinem eigenen Leben die Güte und Sanftmut bewahren, auch wenn ich Schmerz oder Enttäuschung erfahre?

​Vers 51 Vorhang zerrissen

Mt 27,51: ‭Und siehe, der Vorhang im Tempel riss von oben bis unten entzwei, und die Erde erbebte, und die Felsen spalteten sich.‭

Zerreißen des Vorhangs

Der Schleier trennte den heiligen Ort vom Allerheiligsten im Tempel. Es war eine anschauliche Demonstration der Trennung zwischen Gott und Mensch.

Bemerkenswerterweise wurde der Schleier von oben bis unten zerrissen, und es war Gott, der das Zerreißen bewirkte. Es war kein geringes Wunder, dass der schwere und dicke Vorhang zerriss.

Aber dieses Wunder sollte nicht nur ein bloßes Zeugnis der Macht Gottes sein, sondern es wird uns in demselben mancherlei geoffenbart. Das alte Gesetz der Opfergottesdienste wurde abgetan und wie ein abgetragenes Kleid zerrissen und beiseite gelegt.

Als der Herr Jesus starb, wurden alle Opfer vollendet, weil in Ihm alles Seine Erfüllung fand. Deshalb wurde die Stätte ihrer Darbringung mit einem sichtbaren Zeugnis des Verfalls bezeichnet.

Frage: Welche inneren Schleier in deinem Leben könnten durch das Wirken Gottes gelüftet werden, damit du Seine Nähe klarer erleben kannst?

Vers 52 Gräber öffnen sich

Mt 27,52: ‭Und die Gräber öffneten sich, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt

Die Gräber öffneten sich

Diese Stelle wird unterschiedlich ausgelegt. Manche sehen sie als wörtliches Wunder, das Jesu Sieg über den Tod zeigt. Andere deuten sie symbolisch als Hinweis auf die kommende Auferstehung.

Die Auferstandenen erscheinen erst nach Jesu eigener Auferstehung (Vers 53), was seine Vorrangstellung betont. Theologisch unterstreicht die Passage, dass Jesu Tod eine Zeitenwende markiert: Die Macht des Todes wird gebrochen, das neue Leben beginnt.

Die Erwähnung „Heiliger“ betont, dass es um die Gläubigen geht, die auf das Heil warteten. So zeigt die Stelle die Verbindung von Jesu Sterben mit der Hoffnung auf die endgültige Auferstehung.

Frage: Wie kann die Hoffnung auf ein neues Leben in deinem eigenen Alltag spürbar werden?

Vers 53 Auferstehung der Heiligen

Mt 27,53: ‭und gingen aus den Gräbern hervor nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.

Geöffnete Gräber

Wie aber der tote Lazarus wiederum auflebte, so standen auch viele Leiber der Heiligen auf, um die Auferstehung des Herrn zu zeigen, und doch standen sie, als sich die Gräber öffneten, nicht eher auf, als der Herr ausstand, damit er der Erstgeborne der Auferstehung von den Toten wäre. Goldene Perle

Vers 54 Bekenntnis des Hauptmanns

Mt 27,54: ‭Als aber der Hauptmann und die, welche mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und was da geschah, fürchteten sie sich sehr und sprachen: Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!‭

Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!‭

Dies ist ein Höhepunkt der Passionserzählung, da gerade ein heidnischer Offizier, nicht ein Jünger oder Pharisäer, diese Erkenntnis gewinnt.

Theologisch zeigt dies, dass Jesu Tod nicht Niederlage, sondern Offenbarung ist. Der Glaube weitet sich über Israel hinaus.

Der Hauptmann steht stellvertretend für die Heiden, die später das Evangelium annehmen. Die Naturgewalten unterstreichen Gottes Macht und bestätigen Jesu Identität als Sohn Gottes.

So markiert Matthäus 27,54 einen Wendepunkt: Jesu Kreuzestod offenbart seine wahre Herrlichkeit.

Frage: Wie verändert die Erkenntnis, dass das Göttliche oft an unerwarteten Orten sichtbar wird, deine eigene Wahrnehmung von Glauben und Offenbarung?

Vers 55 Zuschauende Frauen

Mt 27,55: ‭Es waren aber dort viele Frauen, die von ferne zusahen, welche Jesus von Galiläa her gefolgt waren und ihm gedient hatten;

Es waren aber dort viele Frauen

Ihre Anwesenheit zeigt ihre Treue und Hingabe, auch in Jesu schwerster Stunde. Während viele Jünger geflohen waren, blieben sie standhaft.

Ihre Rolle betont die Bedeutung der Frauen im Jüngerkreis und in der frühen Kirche. Theologisch weist die Szene auf Jesu Leiden hin, das er für alle Menschen ertrug.

Die Frauen sind stille Zeuginnen der Heilsgeschichte und werden später die ersten Zeuginnen der Auferstehung sein (Mt 28,1-10). Ihre Treue wird belohnt.

Frage: In welchen Momenten meines Lebens kann ich wie diese Frauen still und treu gegenwärtig sein, selbst wenn andere weichen?

Vers 56 Maria Magdalena und andere

Mt 27,56: ‭unter ihnen waren Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus und Joses, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

Mut der Frauen

Zu ihrer ewigen Ehre bewiesen diese Frauen mehr Mut und liebevollere Zuneigung zu ihrem Herrn und Meister als die Jünger, die versprochen hatten, mit ihm zu sterben, anstatt ihn zu verlassen.

Diese Frauen betrachteten aber das, was geschah, weil sie sehr mitleidig waren. Und betrachte ihre Standhaftigkeit.

Sie folgten, um ihm zu dienen, und waren bis zu den Gefahren bei ihm, sodass sie den größten Mut zeigten, weil sie, während die Jünger flohen, bei ihm waren.

Goldene Perle

Frage: Welche Situationen in meinem Leben erfordern von mir ähnlichen Mut und Standhaftigkeit im Vertrauen auf das, was ich liebe und verehre?