Mt 27, 11-26 Jesus wird verurteilt

​Vers 11 Verhör durch Pilatus

Mt 27,11: Jesus aber stand vor dem Statthalter; und der Statthalter fragte ihn und sprach: Bist du der König der Juden? Jesus sprach zu ihm: Du sagst es!

Ironische Frage

Jesus sah nicht besonders königlich oder majestätisch aus, als er vor Pilatus stand, also war der römische Statthalter wahrscheinlich sarkastisch oder ironisch, als er fragte: Bist du der König der Juden?

Andacht von Joachim Richter

Wie ohnmächtig stehst du, mein Jesus, vor Pilatus, dem römischen Statthalter von Jerusalem! In diesem Moment ist deine göttliche Natur ganz verborgen. So wird sichtbar, dass dein Königtum „nicht von dieser Welt“ ist, also nicht in weltlicher Macht besteht.

Du willst vielmehr König in meinem Herzen sein. Dies fordert mich heraus, an dich zu glauben und dir zu dienen. Wie übst du, Jesus, deine Herrschaft aus? Wo ist dein Herrschersitz?

Du selbst hast gesagt: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28). Diese Lebenshingabe hast du zur Vollendung gebracht, als du deinen Thron bestiegen hast: das Kreuz.

Joachim Richter

Frage: Wo spüre ich in meinem Leben die stille, dienende Herrschaft Jesu – und lasse ich sie in meinem Herzen Raum gewinnen?

Vers 12 Schweigen vor Anklägern

Mt 27,12: Und als er von den obersten Priestern und den Ältesten verklagt wurde, antwortete er nichts.

Anklagepunkte der Juden

Die wirklichen Anklagen der Juden gegen Jesus waren religiöser Natur, und die Verhandlung geschah auf dieser Basis. Aber religiöse Anklagen hatten vor der römischen Gerichtsbarkeit kein Gewicht. Das wussten sie, deshalb brachten sie drei politische  Anklagen gegen ihn vor, als sie ihn vor Pilatus führten

  • Er war ein Revolutionär, der eine Gefahr für das Römische Reich darstellte.
  • Er brachte Menschen dazu, keine Steuern zu zahlen, und gefährdete damit die Einnahmen des Reiches
  • Er behauptete von sich, ein König zu sein, und bedrohte damit die Macht sowie die Stellung des Kaisers.

Vers 13 Pilatus wundert sich

Mt 27,13: ‭Da sprach Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, was sie alles gegen dich aussagen?‭

Hörst du nicht?

Theologisch weist die Szene auf Jesu Rolle als leidender Gottesknecht hin. Sein Schweigen ist nicht Schwäche, sondern Ausdruck seiner Souveränität und seines Gehorsams gegenüber dem Vater. Es lädt uns ein, über das Vertrauen in Gottes Plan nachzudenken – selbst in Zeiten ungerechter Anklage.

Vers 14 Keine Antwort Jesu

Mt 27,14: ‭Und er antwortete ihm auch nicht auf ein einziges Wort, sodass der Statthalter sich sehr verwunderte.‭

Sanftmut, Demut und Würde

Er hatte in gefangenen Juden den wilden Mut des Fanatismus gesehen, aber es gab keinen Fanatismus in Christus.

Er hatte auch bei vielen Gefangenen die Gemeinheit gesehen, die alles tut oder sagt, um dem Tod zu entgehen, aber er sah nichts davon an unserem Herrn.

Er sah in ihm ungewöhnliche Sanftheit und Demut, verbunden mit majestätischer Würde.

Er sah, wie sich Unterwerfung mit Unschuld vermischte.

Spurgeon

Frage: Welche Facetten von Sanftmut und Würde könntest du in deinem eigenen Leben kultivieren, die gleichzeitig innere Stärke und spirituelle Unschuld zeigen?

​Vers 15-17 Brauch der Freilassung

Mt 27,15: ‭Aber anlässlich des Festes pflegte der Statthalter der Volksmenge einen Gefangenen freizugeben, welchen sie wollten.‭

Einen Gefangenen freizugeben

Matthäus 27,15 beschreibt eine Sitte zur Zeit des Passahfestes, bei der der römische Statthalter einen Gefangenen freiließ, den das Volk wählte. Diese Praxis symbolisierte eine Geste der Gnade seitens der römischen Besatzungsmacht.

In der Passionsgeschichte spielt diese Tradition eine zentrale Rolle, da Pilatus das Volk vor die Wahl zwischen Jesus und Barabbas stellt. Barabbas war ein Aufrührer, während Jesus unschuldig war. Die Szene zeigt die Manipulierbarkeit der Menge und die politische Taktik Pilatus’, der eigentlich Jesu Freilassung anstrebte.

Theologisch betrachtet verweist die Wahl auf das stellvertretende Leiden Jesu: Der Schuldige wird freigelassen, während der Unschuldige zum Tod verurteilt wird – ein Bild für das Heilshandeln Gottes im Kreuzestod Jesu.

Frage: Welche Situationen in deinem Leben fordern dich dazu heraus, Gnade zu zeigen, selbst wenn es einfacher wäre, zu verurteilen?

Mt 27,16: ‭Sie hatten aber damals einen berüchtigten Gefangenen namens Barabbas.‭

Mt 27,17: ‭Als sie nun versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr, dass ich euch freilasse, Barabbas oder Jesus, den man Christus nennt?‭

​Vers 18-19 Pilatus erkennt Neid

Mt 27,18: ‭Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid ausgeliefert hatten.‭

Aus Neid ausgeliefert hatten

Diese Aussage bezieht sich auf Pontius Pilatus, der erkannte, dass die jüdischen Führer Jesus nicht aus Gerechtigkeitsgründen, sondern aus Eifersucht verurteilen wollten. Jesus’ Popularität bei den Menschen, seine Lehren und seine Autorität bedrohten ihre Stellung. Pilatus sah durch ihre Motive hindurch, doch aus Angst vor einem Aufruhr ließ er sich dennoch auf ihre Forderung ein.

Theologisch zeigt dieser Vers, dass Jesus nicht wegen eigener Schuld, sondern aus menschlicher Bosheit und Neid ans Kreuz ging. Gleichzeitig erfüllt sich dadurch Gottes Plan der Erlösung. Die Passage erinnert daran, wie destruktiv Neid sein kann und fordert zu einer Haltung der Gerechtigkeit und Demut auf.

Frage: Wo in meinem Leben lasse ich mich von Angst oder äußerem Druck leiten, anstatt aus innerer Überzeugung und Gerechtigkeit zu handeln?

Mt 27,19: ‭Als er aber auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute im Traum seinetwegen viel gelitten!‭

​Vers 20 Aufhetzung durch Priester

Mt 27,20: Aber die obersten Priester und die Ältesten überredeten die Volksmenge, den Barabbas zu erbitten, Jesus aber umbringen zu lassen.

Für Barabbas

Gerade die Männer, die eben noch Jesus wegen Verrates gegen den Kaiser angeklagt hatten, erbaten nun die Freilassung eines Mannes, der sich dieses Verbrechens wirklich schuldig gemacht hatte! Die Haltung der Hohenpriester war irrational und haarsträubend, aber so ist die Sünde nun einmal. MacDonald

Vers 21-23 Wahl für Barabbas

Mt 27,21: ‭Der Statthalter aber antwortete und sprach zu ihnen: Welchen von diesen beiden wollt ihr, dass ich euch freilasse? Sie sprachen: Den Barabbas!‭

Unser Barabbas

Die Menschen heute lehnen Jesus immer noch ab und wählen einen anderen. Ihr Barabbas könnte Lust sein, es könnte ein Rausch sein, es könnte das Selbst und die Annehmlichkeiten des Lebens sein. Diese verrückte Wahl wird jeden Tag getroffen, während die Menschen die Begierden ihres Fleisches dem Leben ihrer Seele vorziehen.

Mt 27,22: ‭Pilatus spricht zu ihnen: Was soll ich denn mit Jesus tun, den man Christus nennt? Sie sprachen alle zu ihm: Kreuzige ihn!‭

Mt 27,23: ‭Da sagte der Statthalter: Was hat er denn Böses getan? Sie aber schrien noch viel mehr und sprachen: Kreuzige ihn!‭

Vers 24 Händewaschen des Pilatus

Mt 27,24: ‭Als nun Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern dass vielmehr ein Aufruhr entstand, nahm er Wasser und wusch sich vor der Volksmenge die Hände und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten; seht ihr zu!‭

Pilatus Entscheidung

Es war untypisch für Pilatus, sich so vor den religiösen Führern und der Menge zu beugen. Er hätte anders wählen können. Hier ist ein Mann, der das Richtige zu tun weiß und es auf viele überzeugende Weisen weiß. Dennoch wird er im Gehorsam gegenüber der Menge das Falsche tun, etwas Schreckliches.

Vers 25 Fluch des Volkes

Mt 27,25: ‭Und das ganze Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!‭

Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!‭

Theologisch kann die Stelle als Ausdruck kollektiver Verantwortung für Jesu Tod gesehen werden, wobei das Christentum betont, dass letztlich alle Menschen durch ihre Sünden Anteil daran haben.

Historisch wurde sie jedoch missbraucht, um Antijudaismus zu rechtfertigen.

Viele Ausleger betonen, dass Matthäus hier eine prophetische Dimension sieht: Das Blut Christi bringt nicht Verdammnis, sondern Erlösung.

Im christlichen Glauben wird sein Opfer als heilbringend für alle Menschen verstanden, einschließlich derer, die ihn verurteilt haben.

Frage: Wie kann ich in meinem eigenen Leben Verantwortung für meine Handlungen erkennen und zugleich Mitgefühl und Vergebung für andere kultivieren?

Vers 26 Geißelung und Auslieferung

Mt 27,26: ‭Da gab er ihnen den Barabbas frei; Jesus aber ließ er geißeln und übergab ihn zur Kreuzigung.‭

Geiselung

Die Schläge kamen von einer Peitsche mit vielen Ledersträngen, die jeweils scharfe Knochen- oder Metallstücke an den Enden hatten. Es reduzierte den Rücken auf rohes Fleisch, und es war nicht ungewöhnlich, dass ein Verbrecher sogar vor der Kreuzigung an einer Geißelung starb. Sieh, der Herr wird zum Schlagen hingestellt; sieh, er wird schon geschlagen.

Es zerreißt sein heiliges Fleisch die Gewalt der Geißelhiebe; mit wiederholten Schlägen zerfleischen die grausamen Streiche Rücken und Schultern. O des Schmerzes! Hingestreckt vor den Menschen liegt Gott und erduldet die Strafe eines Schuldigen, in dem nie eine Spur von einer Sünde gefunden werden konnte.

Frage: Wie tief bin ich bereit, Mitgefühl und Dankbarkeit für das Leiden anderer in meinem eigenen Leben wirklich zu spüren?