Mk 12, 28-34 Über das wichtigste Gebot
Inhaltsverzeichnis
Vers 28 Frage nach dem Höchsten
Mk 12,28: Da trat einer der Schriftgelehrten herzu, der ihrem Wortwechsel zugehört hatte, und weil er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das erste Gebot unter allen?
Noch eine Frage
Auch dieser Schriftgelehrte will Jesus auf die Probe stellen. Aber im guten Sinne.
Wieso stellt er gerade diese Frage? Vielleicht will er sich ein Urteil über Jesus bilden. Vielleicht hat er schon viel über ihn gehört, oder ihm sogar aus der Ferne zugehört. Und jetzt ist sein Moment gekommen, um Jesus persönlich zu begegnen.
Wir erfahren nicht, ob er Jesus am Ende nachfolgt. Darüber kann man sich streiten. Jedenfalls nimmt er Jesus ernst, und Jesus nimmt ihn ernst. Jesus hört immer zu. Jesus hat viel Geduld mit diesen Schriftgelehrten.
Schon wieder kommt einer und stellt ihm eine Frage. Aber Jesus ist nicht genervt. Er lässt alle zu ihm kommen und hört ihnen ganz offen zu. Er hat keine Vorurteile, und so ist jede Begegnung mit ihm ganz neu. Einfach ist diese Einstellung für ihn sicher auch nicht, aber dazu ist er gekommen: um für uns da zu sein.
László Erffa
Frage: Wie kann ich im Alltag Menschen ohne Vorurteile und mit voller Aufmerksamkeit begegnen?
Frage: Was würde ich Jesus fragen, wenn ich Gelegenheit dazu hätte, wie dieser Schriftgelehrte?
Gute Frage!
Es gab im damaligen Judentum neben den zehn Geboten noch 613 weitere Ge- und Verbote, die sich aus den heiligen Schriften (das Gesetz des Mose, die Propheten und die Psalmen) ableiteten; von den Auslegungen ganz zu schweigen. Das einfache Volk war gar nicht in der Lage, dies alles zu beachten.
Um damit im Alltag klarzukommen, lag zumindest für die religiös Gebildeten die Frage nahe, welche Vorschrift die wichtigste sei – nicht um die anderen zu vergessen, sondern um Orientierung zu erhalten und sein Leben nach dieser Priorität ausrichten zu können.
Ein Schriftgelehrter – offenbar einer, der es einmal ehrlich meint – fragt Jesus nach seiner Meinung dazu. Jesus belohnt den ehrlichen Frager mit einer klaren und direkten Antwort.
Beate Scheilen
Frage: Welche Priorität in meinem eigenen Leben würde mir helfen, klarer und bewusster zu handeln, und wie kann ich diese spirituell vertiefen?
Vers 29 Das Schma Israel
Mk 12,29: Jesus aber antwortete ihm: Das erste Gebot unter allen ist: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist Herr allein.
Frage und Antwort
Mit dieser Frage testeten sie Jesus, um zu sehen, ob er einige Bereiche des mosaischen Gesetzes missachten oder vernachlässigen würde. Anstatt ein Gebot über ein anderes zu stellen, definierte Jesus das Gesetz in seiner Essenz: Liebe Gott mit allem, was du hast, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Höre
Das erste Wort des höchsten Gebots heißt nicht: Glaube! Es heißt auch nicht: Tu dies oder das! Es heißt nicht: Lern erstmal etwas! Es heißt: Höre!
Dies sind die Worte, mit denen das höchste jüdische Gebet beginnt, das Sch’ma Israel. Höre! Am Anfang der Liebe steht die Hörbereitschaft gegenüber dem einzigen Gott. Für ihn ständig Ohr und Herz offen zu halten, ist so wichtig und dringlich, dass es aller Anstrengung wert ist.
Ist in meinem Leben das Hören auf Gott das Erste?
Beten heißt: auf Wegweisung und Instruktionen hören, mit einem Herzen, das ihm zugewandt ist; es ist ein Gespräch zwischen Vater und Kind. Corrie ten Boom
Frage: Wie bewusst öffne ich mein Herz und meine Sinne, um Gottes Stimme in meinem Alltag wahrzunehmen?
Höre Israel!
Manchmal vergessen wir, dass diese Worte nicht nur ein Teil der Einleitung dieses Gebotes sind, sondern fest zu seinem Inhalt gehören.
Das Buch der Weisheit weist mehrere Male auf die Gefahr hin, zu sprechen, ohne vorher gehört zu haben (Weish 18,13).
Es tut uns gut, auf Gott und seine Worte zu hören. Es gibt uns eine natürliche Sicherheit, die auf der Tatsache beruht, dass das Wichtigste im Leben nicht von uns abhängt, sondern von ihm, seinem Wort, seiner Liebe.
Robert Wills
Frage: Wie kannst du heute bewusst Momente schaffen, in denen du auf die leise Stimme Gottes in deinem Leben hörst?
Höre Israel
Mit dieser Aufforderung ist das ganze Volk angesprochen. Eine feierliche Verkündigung steht bevor.
Der Herr, unser Gott. Wir haben einen Gott. Er ist der Schöpfer des ganzen Universums. Wenn ich nachts zum Himmel aufschaue, überwältigt mich dessen Größe und Schönheit. Wenn ich von einem Berg in die Täler und Wälder hinabsehe, überkommt mich das gleiche Staunen.
All das hat Gott erschaffen. Er ist der Einzige. Außer ihm gibt es keinen anderen. Gott, der Mächtigste überhaupt, hat mich erschaffen. Er hat mich gewollt. Ich habe eine einzigartige Beziehung zu meinem Gott. Kein anderer kann mich ersetzen.
Er ist nicht nur mein Schöpfer, sondern ich darf ihn auch Vater nennen: "Mein Vater". "Mein Gott und mein Vater". Ich öffne die Sinne meines Herzens und lasse diese Worte wie wohlriechendes Öl in mein Herz hinabgleiten.
Ilona Kies
Frage: Wie spüre ich die Gegenwart meines Schöpfers in den stillen Momenten meines Lebens?
Der Herr, unser Gott, ist Herr allein
Die Quelle. Gott will oberste Priorität in meinem Leben haben, nicht weil er sonst beleidigt wäre, sondern weil in ihm die Quelle für mein Glück liegt.
Im Dunkel dieser Welt erkenne ich das viel zu selten.
Wo in meinem Leben ist Gott noch eine Randerscheinung? Gibt es Gebiete, wo ich mich mehr auf mich selbst verlasse als auf ihn, oder wo ich mich mehr auf andere Menschen stütze als auf ihn?
Die Quelle ist er!
Dorit Wilke-Lopez
Frage: Wie spüre ich in meinem Alltag die Gegenwart dieser Quelle und wo darf ich sie bewusster einladen?
Vers 30 Gott lieben ganzheitlich
Mk 12,30: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft!
Liebe zu Gott
Wie das Herz die innerste Mitte und die treibende Kraft des Menschen ist, so muss die Liebe zu Gott unser ganzes Leben durchdringen, antreiben und bewegen.
Gott will den Menschen ganz. Das macht unsere Würde und Größe aus, dass Gott auf unsere Liebe so großen Wert legt.
Diese Gottesliebe ist Freundschaft mit Gott. Es ist keine Liebe, die etwas haben will, denn durch die Gottesliebe lieben wir Gott um der Liebe seiner selbst willen, in Anbetracht seiner überaus liebenswerten Güte.
Diese Freundschaft ist eine echte Freundschaft, weil sie gegenseitig ist.
Frage: Wie kann ich in meinem Alltag die Freundschaft mit Gott bewusst leben und spüren, dass sie mich zugleich erfüllt und antreibt?
Liebe und Gegenliebe
Gott hat nicht nur Liebe. Gott ist Liebe, nichts als Liebe, Liebe, die alles Begreifen übersteigt. Gottes Liebe aber ist eine Einladung an uns zur Gegenliebe. Seine Liebe lockt und ruft unsere Liebe, dass wir Antwort geben, dass wir seine Liebe erwidern.
Gott hat dich erlöst und dich mit ihm versöhnt, damit du ihn liebst
Du bist berufen zur Anbetung. Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen. Du wurdest erschaffen, um Gott Freude zu bereiten, deshalb ist es dein Lebensziel, Gott durch Anbetung zu lieben.
Gott an erster Stelle: Zum Götzen wird alles, was in meinem Leben wichtiger ist als Gott. Setze Gott an erster Stelle deines Lebens, jeden Tag neu.
Darum ist das Gebet unersetzlich. Wahrlich, wir können sagen: Wer betet, ist Gott nahe; wer nicht betet, ist fern von Gott, auch wenn dieser ihm nahe bleibt. Darum bete ihn an! Dazu bist du gerufen.
Mein Tagesanfang ohne mein Morgengebet zu Gott ist für mich persönlich unvorstellbar. Das gehört für mich genauso dazu, wie jeden Morgen selbstverständlich die Sonne aufgeht.
Frage: Wie könntest du heute bewusst Gott an die erste Stelle in deinem Leben setzen und dadurch deinem Alltag mehr Tiefe verleihen?
Warum sollen wir Gott lieben
Gott befiehlt uns Menschen nicht deshalb, ihn aus ganzem Herzen, mit all unseren Kräften und mit ganzer Seele zu lieben, damit wir dadurch seine Macht und Herrlichkeit vergrößern. Das können wir gar nicht, denn Gott ist und bleibt immer der unbegreiflich große und allmächtige Gott, egal wie sehr oder wie wenig wir ihn lieben.
Gott befiehlt uns, ihn zu lieben, weil es für uns Menschen das Beste ist, was uns passieren kann. Weil es mir und meiner Entwicklung gut tut, deshalb will Gott, dass ich ihn liebe.
Er will es nicht nur, er erlaubt es mir nicht nur, sondern er befiehlt es mir sogar.
Frage: Wie spüre ich in meinem Alltag, dass Gottes Liebe und Führung mir gut tun und meine Entwicklung fördern?
Andacht von Franz von Sales
Die Einfachheit im geistlichen Leben ist nichts anderes als ein reiner, einfacher Akt der Liebe, der nur eines bezweckt: Die Liebe zu Gott zu erringen.
Unsere Seele ist dann einfach, wenn wir in allem, was wir tun oder anstreben, einzig nur das wollen.
Diese ganz einfache Liebe, die uns bei allem, was wir tun, nur auf eines hinsehen und hinzielen lässt, nämlich auf das Verlangen, Gott zu gefallen, das ist Marias Teil, das ist das eine Notwendige (Lk 10,42), das ist die Einfachheit, die mit der Liebe unzertrennlich verbunden ist, da sie nur auf Gott schaut und keinen egoistischen Nebengedanken duldet.
Es liegt nicht im Interesse Gottes, dass wir ihn lieben, sondern in unserem. Unsere Liebe bringt ihm keinen Nutzen, uns aber ist sie von großem Vorteil. Aus Liebe zu uns will Gott, dass wir ihn lieben.
Frage: In welchen Bereichen meines Lebens könnte ich die Einfachheit der Liebe zu Gott noch stärker wirken lassen?
Liebe wohnt in der Treue
Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe. Aber Gott sehnt sich auch nach deiner Liebe. Er sehnt sich danach, dass wir seine Liebe nicht unbeantwortet lassen.
Gott lieben heißt, ihn mit ganzem Herzen zu lieben, nicht halbherzig, ihm den Thron unseres Herzens bereiten durch Akte des Willens. Die Liebe, die im Willen wohnt, ist die Liebe, die dem der Liebe Gottes am ähnlichsten ist.
Die emotionale Liebe, könnten wir sagen, fließt aus dieser Willensbereitschaft zu lieben hervor. Aber sie ist nicht alles. Wenn man Eheleute fragt, dann werden sie antworten können, dass diese Schmetterlingsgefühle meist schon bald nach der Eheschließung verflogen sind.
Und dann kommt die Mühsal des Alltags. Und das ist die Treue – und die Treue ist Liebe.
Frage: Wie kannst du in deinem eigenen Leben die Liebe aus dem Willen kultivieren, die über Gefühle hinausgeht?
Vers 31 Nächstenliebe wie sich selbst
Mk 12,31: Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.
Liebe zu den Mitmenschen
Wer Gott liebt, liebt auch sein Geschöpf. Sein Hauptgeschöpf aber ist der Mensch. Wer daher Gott liebt, muss alle Menschen lieben.
Das Gebot der Nächstenliebe findet sich schon im alten Testament. Dieses Gebot der Nächstenliebe ist nun allerdings in und durch Christus nicht mehr nur ein Gebot, sondern Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins durch ihn, mit dem Gott uns entgegengeht.
Dazu gehört so vieles: sich Zeit nehmen füreinander, kleine Aufmerksamkeiten, schlichte Freundlichkeiten, gern gegebene Hilfen, wissen, was den anderen freut, ahnen und spüren, was ihm weh tut und was ihn traurig macht, Bereitschaft zur Versöhnung, sich um Geduld bemühen, den anderen ertragen und vieles mehr.
Frage: In welchen Momenten meines Lebens spüre ich Gottes Liebe am deutlichsten und wie kann ich diese Liebe bewusst an andere weitergeben?
Gebet: Herr Jesus, lehre uns zu lieben wie Du geliebt hast. Dass wir nicht lieben um geliebt zu werden, sondern dass wir immer mehr hineinwachsen in die Liebe, die Du uns zeigst.
Gott hat dich erlöst und dich mit ihm versöhnt, damit du ihm dienst
Du bist berufen zum Dienst. Es ist letztlich das praktische Tätigwerden, das aus der Berufung zur Anbetung, zur Nachfolge und zur Gemeinschaft entspringt.
Täglich neu die Ego-Mauer durchbrechen: Durchbreche die Mauer deines eigenen Ego zum anderen hin. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Denke nicht nur an deinen eigenen Vorteil, sondern habe stets das Wohl der anderen im Auge, denn wer in Gottes Augen groß sein will, der soll allen anderen dienen.
Es ist für mich eine der Aussagen Gottes in der heiligen Schrift, die mich ehrfürchtig erstaunen lässt. Gott sagt: Ich bin in dir und ich bin im Nächsten. Gerade im Alltag begegnet mir Gott hier in den unterschiedlichsten Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise und so kann der Dienst auch unterschiedlich aussehen: zuhören, praktisch helfen, Mut zusprechen, Zeit schenken, vergeben und vieles mehr.
Frage: In welchen Momenten meines Alltags kann ich bewusst die Präsenz Gottes im anderen erkennen und daraus Liebe und Dienst entstehen lassen?
Wie dich selbst...
Doch dann kommt da noch ein kleiner zweiter Teil dieses Verses: „wie dich selbst“ – viel zu oft übersehen, in vielen christlichen Gemeinschaften nicht so ernst genommen und nicht selten negativ mit „Egoismus“ in Verbindung gebracht, ist vielen von uns vielleicht nicht klar, was diese Worte bedeuten sollen.
Pure Selbstverliebtheit und Egoismus ist sicher nicht damit gemeint. Jesus Christus will nicht, dass wir nur selbstverliebt, also ohne die Gedanken an unsere Nächsten leben. Aber er will im Umkehrschluss auch nicht, dass wir nur selbstvergessen und selbstlos lieben, also ohne an uns selbst zu denken immer nur für die Anderen da sein müssen.
Nur wer sich selbst auch annehmen kann, wer sich selbst einmal etwas Gutes tun kann, der kann mit der Liebe Gottes in innerer Ausgeglichenheit und mit einem inneren Frieden leben! Denn nur ein ausgeglichener, in sich ruhender und zufriedener Mensch kann Gottes Liebe genießen und wird deshalb in der rechten Weise auch seinen Nächsten lieben.
Deshalb, gönn’ DIR heute einen guten Tag!
Rolf Aichelberger
Frage: Wie kannst du heute deinem eigenen Herzen etwas Gutes tun, um in innerer Balance Gottes Liebe noch bewusster zu erfahren?
Sich selbst lieben
Selbstliebe wird als Maß für die Nächstenliebe genannt. Ist Selbstliebe überhaupt selbstverständlich? Ist es nicht so, dass unsere Herzlosigkeit nicht zuerst gegenüber unserem Mitmenschen, sondern gegenüber uns selbst auftritt?
Unsere Seele sehnt sich nach Gott, doch stattdessen geben wir ihr Ablenkungen. Unser Herz sehnt sich nach echter Beziehung und wir halten es davon ab. Wir wissen, was uns menschlich guttun würde, und tun es dann trotzdem nicht – aus mangelnder Selbstliebe.
Somit benötigen wir sogar in der Selbstliebe die Hilfe Gottes, der unser Heil möchte. Der Egoismus besteht nicht in einer übermäßigen Liebe seiner selbst, sondern in einer kurzsichtigen Selbstliebe, einer mittelmäßigen, herzlosen Selbstliebe, die nicht nur anderen, sondern auch uns selbst schadet.
Eric Briemle
Frage: Welche kleinen Schritte könntest du heute unternehmen, um dein Herz behutsam mehr für dich selbst und für die göttliche Gegenwart zu öffnen?
Mk 12,31: Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.
Aus zwei wird ein Gebot
Durch dieses Wort macht Jesus aus den im originalen Wortlaut selbständigen zwei Geboten der Gottes- und Nächstenliebe eine Einheit. Er verknüpft und bindet die Liebe zu Gott an die Liebe zum Nächsten.
Die Nächstenliebe braucht die Verankerung in Gott. Wenn ich mich Gott ganz zuwende, erfahre ich, dass er für mich da ist. Alles, was ich bin und habe, ist sein Geschenk.
Ich erfahre mich von ihm geliebt und angenommen trotz meiner Mängel und Schwächen. Aus diesem Beschenktsein heraus werde ich selber zum Schenkenden.
Weil Gott mich so wichtig nimmt, dass er von mir geliebt sein will, nehme ich den nahen und fernen Nächsten wichtig und schenke ihm meine Liebe. Das Standbein der Liebe zu Gott gibt mir den Halt und die Kraft, mich für den Nächsten einzusetzen und tätig zu werden.
Frère Roger: Wenn der Nächste aus unserer Zwiesprache mit Christus verschwindet, dann hat unsere Gottesliebe nicht den Christus des Evangeliums zum Inhalt.
Frage: Wie kann ich die Liebe, die ich von Gott erfahre, heute bewusst an jemanden weitergeben?
Gott und Mensch gehören zusammen
Ich finde es beeindruckend, dass Jesus Gott und Mensch beim Gebot der Liebe auf eine Stufe stellt. Dies ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite… Gott lieben und die Menschen lieben gehört zusammen. Eines ohne das andere ist unvollkommen. Nur Gott lieben, aber nicht die Menschen, geht einfach nicht. Nur die Menschen lieben ohne Gott, ist unvollständig.
Diese Aussage und Forderung Jesu bringt uns dazu, im Alltag ganz echt zu werden. Gott lieben – besonders im Gebet, im Gottesdienst, im Inneren. Den Nächsten lieben in Familie, Gesellschaft, Arbeit, Verantwortungen usw. Beides gehört für uns Christen zusammen. In beidem sollen wir beständig wachsen und "besser" werden.
Klaus Einsle
Frage: Wie spüre ich die Verbindung von Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen in meinem eigenen Leben, und wo könnte ich sie noch vertiefen?
Andacht von Madeleine Delbrêl
Gott ist es, den wir lieben, und die Liebe zu Gott ist das erste Gebot; aber das zweite entspricht ihm, weil wir Gott die Liebe, die er uns erwiesen hat, nur mittels der anderen zurückschenken können.
Es besteht die Gefahr, dass das zweite Gebot zum ersten wird. Hier aber können wir einen Gegentest machen und prüfen, ob wir jeden Menschen lieben, also Christus lieben, Gott in jedem Menschen lieben, ohne Bevorzugung, ohne Kategorien, ohne Ausnahme.
Die zweite Gefahr besteht darin, dass wir es nicht zustande bringen und auch nicht bringen werden, wenn wir die Nächstenliebe vom Glauben und der Hoffnung abkoppeln. Der Glaube und die Hoffnung erwachsen aus dem Gebet. Ohne Gebet können wir nicht lieben. Denn nur der Glaube und die Hoffnung, die durch das Gebet vermehrt werden, vermögen den Weg unserer Liebe von ihrem lästigsten Hindernis zu befreien: die Sorge um uns selbst.
Die dritte Gefahr ist die, dass wir nicht „wie Jesus uns geliebt hat“, sondern auf rein menschliche Art lieben. Und das ist vielleicht die größte Gefahr. Es ist nicht unsere Liebe, die wir zu geben haben: es ist Gottes Liebe. Die Liebe Gottes, die eine göttliche Person ist, die ein Geschenk Gottes an uns ist, die aber ein Geschenk bleibt, das sozusagen durch uns hindurchgehen, uns durchdringen [durchbohren] muss, um anderswo hinzugehen, um in andere hineinzugehen.
Frage: In welchen Momenten spüre ich, dass Gottes Liebe durch mich hindurch wirkt, und wie kann ich mich öffnen, um sie bewusst weiterzugeben?
Vers 32 Einsicht des Schriftgelehrten
Mk 12,32: Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Recht so, Meister! Es ist in Wahrheit so, wie du sagst, dass es nur einen Gott gibt und keinen anderen außer ihm;
Vers 33 Mehr als Brandopfer
Mk 12,33: und ihn zu lieben mit ganzem Herzen und mit ganzem Verständnis und mit ganzer Seele und mit aller Kraft und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer!
Wiederholung des Gebots
Der Schriftgelehrte wiederholt Jesus Worte und spricht so die ehemals zwei Gebote in einem aus. Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst, das ist das allerwichtigste.
Darauf kommt es an, wenn dein Leben Sinn und Ziel haben, wenn es erfüllt sein und gelingen soll. Mache uns bewusst, dass wir nicht wegen der Mitmenschen anfangen wollen zu lieben, sondern allein, weil wir auf Deine Liebe Antwort geben wollen.
Und lass uns aus dieser Erkenntnis heraus hinwachsen, dass wir auch nicht wegen Menschen aufhören zu lieben. Lass uns lieben, weil Du die Liebe bist.
Wer danach handelt, kann sich der Zusage Jesu gewiss sein: Du bist nicht weit von Gottes Reich entfernt.
Frage: In welchen Momenten deines Lebens spürst du die Einladung, Liebe allein aus der Antwort auf Gottes Liebe zu schenken?
Das Gebot der Liebe
Was ist Liebe? Eine bewusste Ausrichtung des Herzens auf die geliebte Person. Diese Ausrichtung ist eine Grundeinstellung, aus der Gedanken, Emotionen und Taten hervorgehen.
Liebe ist nicht einfach nur ein Gefühl. Gefühle verstehen sich hierbei als Einflüsse von außen, die Liebe hat ihren Ursprung in unserem Herzen, unserem tiefsten Inneren, und erweist sich oft gerade dadurch als wahr, dass sie, trotz eines vielleicht widrigen äußeren Gefühls oder in Zeiten der Gefühlsabwesenheit, weiter besteht und standhält.
Ironischerweise wird in unserer angeblich aufgeklärten, wissenschaftlichen Welt oft gerade Gefühlen ein viel zu hoher Stellenwert eingeräumt, wodurch der Mensch zu einem Fähnchen im Wind wird und verkommt: "Wenn du dich nicht danach fühlst, dann musst du das nicht machen."
Ist mein Herz wirklich auf Gott gerichtet oder reduziere ich meinen Glauben auf Gefühle, wie z.B. ein Gefühl der Zufriedenheit, das Richtige zu tun oder nichts falsch zu machen, ähnlich den Pharisäern?
Frage: In welchen Momenten meines Lebens spüre ich, dass mein Herz wirklich aus Liebe handelt und nicht nur aus dem Bedürfnis nach gutem Gefühl oder äußerer Zustimmung?
Andacht von Franz von Sales
Aus der Liebe zu Gott geht die zum Nächsten hervor. Den Nächsten mit heiliger Liebe lieben, heißt Gott im Menschen oder den Menschen in Gott lieben. Es heißt, Gott aus Liebe zu ihm selbst und das Geschöpf aus Liebe zu Gott lieben.
So wissen wir auch, daß ein und dieselbe heilige Liebe die Gottesliebe wie die Nächstenliebe in sich schließt. Sie hebt unseren Geist hinauf zur Vereinigung mit Gott, um uns dann wieder zum liebreichen Verkehr mit dem Nächsten zurückzuführen, jedoch so, daß wir den Nächsten als Abbild und Gleichnis Gottes lieben.
Die Seele des Nächsten ist dabei der Baum des Lebens des irdischen Paradieses. Es ist verboten, sie zu berühren, weil sie Gott gehört und es ihm zusteht, über sie zu urteilen wie über uns.
Wenn uns die Anwandlung überkommt, uns über jemand zu ärgern, müssen wir diese Seele sogleich im Herzen Gottes sehen, dann werden wir nicht daran denken, uns über sie zu ärgern, und das ist das rechte Mittel, den Frieden in unserem Herzen und die Nächstenliebe zu wahren.
Frage: Wie kannst du im Alltag die Gegenwart Gottes in den Menschen um dich herum bewusst wahrnehmen und daraus Frieden in deinem Herzen schöpfen?
Liebe geht über Formalitäten hinaus
Der Schriftgelehrte kommentiert, dass diese Gebote größer sind als alle Brandopfer und anderen Opfer. Ein Opfer oder Brandopfer ohne Liebe ist leer.
Allein die Liebe zu Gott und unseren Nächsten gibt unseren Opfern, Prüfungen und guten Werken ihren Wert. Die Liebe ist das Herzstück unserer Vollkommenheit, und wenn wir uns an dieses größte der Gebote halten – Gott mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben – werden alle geringeren Dinge im Leben auf ihren Platz verwiesen.
Bezeugt mein Leben diese Hierarchie der Werte? Kommt wirklich das zuerst, was zuerst kommen sollte? Haben die zweit- und drittrangigen Dinge wirklich den richtigen Platz? Wenn nicht, was muss ich tun oder zustande bringen, um die richtige Ordnung herzustellen?
Daniel Polzer
Frage: Welche kleinen oder großen Schritte könnte ich heute gehen, um die Liebe zu Gott und meinen Mitmenschen klarer in meinem Leben sichtbar werden zu lassen?
Vers 34 Nahe am Reich Gottes
Mk 12,34: Und da Jesus sah, dass er verständig geantwortet hatte, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes! Und es getraute sich niemand mehr, ihn weiter zu fragen.
Du bist nicht fern vom Reich Gottes
Selbst wenn ich in meinem Herzen noch nicht so weit bin, wenn ich es nur mit dem Mund auszusprechen vermag, so will ich mich zumindest heute, zumindest jetzt Jesus zuwenden und ihm sagen:
Ich will den Vater durch dich, mit dir und in dir lieben; mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all meinen Gedanken und all meiner Kraft.
Und ich will deine Kinder lieben wie mich selbst.
Herr, mache du wett, was an meiner Liebe noch unvollkommen ist.
Frage: Welche kleine Geste der Liebe könnte ich heute bewusst einsetzen, um Gottes Liebe durch mich wirken zu lassen?
Du bist nicht fern vom Reich Gottes!
Der Herr hat seine Geschöpfe so sehr geliebt, dass er es nicht für ausreichend hielt, Engel oder Heilige zu schicken, um uns die Liebe zu zeigen, die er für uns hegt, wenn er nicht selbst in Person kam, um unsere Menschennatur anzunehmen und sein Blut und sein Leben für unsere Erlösung hinzugeben.
Das soll uns sehr ermutigen, ihn von ganzem Herzen zu lieben und ihm freudig zu dienen. Bemühen wir uns, nichts im Verstand zu haben als Jesus, nichts im Gedächtnis als Jesus, nichts im Willen als Jesus, nichts in der Vorstellung als Jesus.
Sprechen wir diesen heiligen Namen aus, so oft wir können. Bitten wir, es möge ihm gefallen, ihn in diesem Leben auf dem Grund unseres Herzens einzuprägen, um ihn im anderen zu sehen.
Man muss unsere Geschwister als Bräute unseres Herrn recht lieben. Wundern Sie sich dabei nicht, wenn Ihre Liebe nicht zärtlich ist, sowohl gegen Gott als auch gegen die Geschöpfe; das ist umso besser, damit sie stark ist. Man muss sie so zärtlich lieben, wie man es vermag.
Frage: Wie kann ich die Liebe zu Gott und zu meinen Mitmenschen noch bewusster in meinem Alltag spüren und leben?