Joh 18, 28-40:
Auslegung und Andacht
Jesus vor Pilatus
Inhaltsverzeichnis
Joh 18, 28 Überstellung zu Pilatus
Joh 18,28: Sie führten nun Jesus von Kajaphas in das Prätorium. Es war aber noch früh. Und sie selbst betraten das Prätorium nicht, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passah essen könnten.
O gottlose Blindheit!
Sie meinten, sich zu verunreinigen, wenn sie in einem Haus blieben, das einem anderen gehörte.
Doch darin, dass sie selbst ein Verbrechen begingen, sahen sie keine Verunreinigung.
Sie hatten Angst, sich im Prätorium eines heidnischen Richters zu verunreinigen, und fürchteten nicht, sich zu verunreinigen, indem sie das Blut eines unschuldigen Bruders vergossen.
Frage: Wo in meinem eigenen Leben achte ich vielleicht mehr auf äußere Reinheit als auf die Lauterkeit meines Herzens?
Joh 18, 29 Pilatus fragt nach Anklage
Joh 18,29: Da ging Pilatus zu ihnen hinaus und fragte: Was für eine Anklage erhebt ihr gegen diesen Menschen?
Die religiösen Führer und Pilatus
Die religiösen Führer hatten Grund, ein günstiges Ergebnis zu erwarten, als sie Jesus zum römischen Statthalter Pontius Pilatus brachten.
Die säkulare Geschichte präsentiert Pilatus als einen grausamen, rücksichtslosen Mann, völlig unempfindlich gegenüber den moralischen Gefühlen anderer. Sie hatten seine Zusammenarbeit bei der Verhaftung gehabt.
Nun erwarteten sie offenbar, dass er ihnen beim Wort nehmen würde, dass der Mann, an dessen Verhaftung die Römer mitgeholfen hatten, gefährlich sei und hingerichtet werden sollte.
Frage: Wo neige ich dazu, Urteile über Menschen oder Situationen zu fällen, ohne selbst das Herz dahinter zu prüfen?
Joh 18, 30 Er ist ein Übeltäter
Joh 18,30: Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre er kein Übeltäter, so hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert!
Pilatus soll ihr Urteil vollstrecken
Also wollten sie Pilatus nicht zum Richter machen, sondern zum Vollstrecker des Urteils, das sie bereits widerrechtlich gefällt hatten.
Joh 18, 31-32 Zuständigkeit und Todesstrafe
Joh 18,31: Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz! Die Juden nun sprachen zu ihm: Wir dürfen niemand töten!
Hintergrund
Es gab Zeiten, in denen die religiösen Führer die Missbilligung der römischen Behörden riskierten und diejenigen hinrichteten, die sie für schuldig hielten, ohne Erlaubnis. Apostelgeschichte 7:54-60 berichtet von einer solchen Hinrichtung durch Steinigung. Wenn die jüdischen Führer jemanden auf diese unerlaubte Weise töteten, geschah dies im Allgemeinen durch Steinigung.
Joh 18,32: Damit Jesu Wort erfüllt würde, das er sagte, als er andeutete, durch welchen Tod er sterben sollte.
Joh 18, 33 Bist du Juden-König?
Joh 18,33: Bist du der König der Juden?
Das Königreich Jesus
Jesus beansprucht im Verhör vor Pilatus sein Königsein, allerdings mit einem so ganz anderem Königreich. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. (Joh 18:36)
Was für Pilatus ein entscheidender Punkt war: das Nichtvorhandensein einer militärischen Macht, ein gewaltloses Reich und somit keine Gefahr für das römische Reich. Auf diesem Hintergrund lässt sich verstehen, dass Pilatus geradezu darum ringt, dass Jesus nicht verurteilt wird.
Frage: Wo erlebe ich in meinem Leben das Wirken eines Reiches, das nicht von dieser Welt ist – und wie prägt es mein Denken und Handeln?
Joh 18, 34 Eigene Frage?
Joh 18,34: Jesus antwortete ihm: Redest du das von dir selbst aus, oder haben es dir andere von mir gesagt?
Redest du das von dir selbst aus?
Diese Antwort zeigt Jesu tiefes Verständnis der Situation. Er zwingt Pilatus zur Selbstreflexion: Spricht er aus eigener Überzeugung oder nur aufgrund von Anschuldigungen anderer?
Damit macht Jesus deutlich, dass seine Königsherrschaft nicht weltlich ist, sondern geistlich. Für Christen bedeutet diese Stelle, dass der Glaube an Jesus nicht auf äußeren Meinungen beruhen sollte, sondern auf persönlicher Erkenntnis.
Es fordert zur eigenen Auseinandersetzung mit der Frage auf: Wer ist Jesus für mich?
Frage: In welchen Momenten meines Lebens spüre ich, dass mein Glaube aus eigener Erkenntnis wächst und nicht nur von äußeren Einflüssen geprägt ist?
Joh 18, 35 Dein Volk überantwortet dich
Joh 18,35: Pilatus antwortete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die obersten Priester haben dich mir ausgeliefert! Was hast du getan?
Was hast du getan?
Jesus hätte eine wunderbare Antwort auf die Frage geben können: Was hast du getan? Er war ohne Sünde und tat niemals Unrecht gegen Gott oder Menschen.
Er heilte die Kranken, gab den Blinden das Augenlicht, beruhigte den Sturm, ging auf dem Wasser, speiste die Menge, besiegte Dämonen und erweckte die Toten. Er lehrte die Wahrheit so klar und kraftvoll, dass es seine Zuhörer erstaunte.
Er ist der Korruption furchtlos entgegengetreten. Er goss sein Leben in ein paar Männer, die nach Gottes Plan dazu bestimmt waren, die Welt auf den Kopf oder wieder richtig herum zu stellen.
Er kam nicht, um bedient zu werden, sondern um zu dienen – und um sein Leben als Lösegeld für viele zu geben.
Frage: Welche Spuren deines Lebens könnten wie ein Samen wirken, der Frieden, Heilung oder Wahrheit in die Welt bringt?
Joh 18, 36 Mein Reich nicht von hier
Joh 18,36: Mein Königreich gehört nicht zu dieser Welt. [...] Mein Reich ist von ganz anderer Art.
Jesus Königreich ist von ganz anderer Art
Die Passion Christi beginnt mit der Karwoche, mit den letzten Tagen in Jerusalem? Nein, sie beginnt mit seiner Geburt. Sein Verzicht auf das Reich als ein Reich dieser Welt ist nicht erst in Golgatha, sondern von Anfang an vollbracht.
Jesus hätte Herr der Welt sein können (vgl. Versuchungen Jesu). Er lehnt ab, weil er weiß, dass sein Reich ganz anderer Art ist. Und dieses sein Reich bedeutet hier auf der Erde häufig Niedrigkeit, Schmähung, Verfolgung, heißt unverstanden bleiben, heißt Haß, Tod, Kreuz.
In Gehorsam und in Freiheit geht Christus für uns diesen Weg, um uns seine Liebe bekannt zu machen. Oh Herr, hilf mir, immer tiefer dein Königreich zu begreifen.
Frage: In welchen Bereichen meines Lebens bin ich bereit, Christus in seiner Demut und Liebe nachzufolgen, auch wenn es schwierig oder unverstanden ist?
Sein Königreich ist grenzenlos, d.h. seine Liebe wendet sich allen Menschen zu!
Wir sind im Herzen Gottes, das ist unser tiefes Vertrauen. Im Gebet wenden wir uns dem König zu.
Theresia vom Kinde Jesu vergleicht das Gebet mit einer Königin, die allzeit freien Zutritt beim König hat und alles erlangen kann, worum sie bittet. Denn seine Macht und Herrschaft besteht in der dienenden Liebe, die den Weg des Kreuzes ging.
Diese Tat des Herrn bleibt in seinem Herzen in Ewigkeit, ist immer gegenwärtig, und diese Haltung seines Herzens zieht uns an, vereint uns mit ihm.
Frage: Wie spürst du die Einladung Gottes, dich in seinem Herzen geborgen zu wissen, in deinem eigenen Alltag und in deinem Inneren?
Joh 18, 37 Zeuge für die Wahrheit
Joh 18,37: Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du also ein König? Jesus antwortete: Du sagst es; ich bin ein König. Und dazu bin ich Mensch geworden und in diese Welt gekommen, um ihr die Wahrheit zu bezeugen.
Das Königtum Jesus
Als Jesus nach dem Wunder der Brotvermehrung merkte, dass die Leute ihn im weltlichen Sinne zum König ausrufen wollten, zog er sich schlicht zurück.
Jünger Jesu zu sein bedeutet, sich von jeglichen weltlichen Maßstäben loszusagen – Macht, Besitz, Erfolg und ähnliches.
Jesus bezieht sein Königtum auf die Wahrheit eines Gottes, der die Liebe ist, und diesen Gott bezeugen wir. Das ist unsere Berufung als Jünger Christi.
Diese Wahrheit, von der Christus Zeugnis gibt, verlangt in besonderer Weise nach unserer Antwort. Sie verlangt nicht nur das Erfassen, nicht nur die Annahme vom Verstand her, sondern eine Antwort, die sich aus dem ganzen Leben ergibt.
Frage: Wie kann ich im Alltag bewusst auf die Wahrheit der Liebe Gottes antworten und mein Leben danach ausrichten?
Andacht von Teresa von Avila
Die Demut dieses Königs ist allerdings so groß, dass er mich, obwohl ich in meiner Unwissenheit nicht in der rechten Weise mit ihm zu reden verstehe, dennoch anhört und mich nicht daran hindert, mich ihm zu nahen.
Um ihm wenigstens unsere Dankbarkeit dafür zu beweisen, dass er den üblen Geruch unserer Gegenwart erträgt, wenn er jemanden wie uns in seiner Nähe duldet, wäre es angebracht, uns um die Erkenntnis seiner Reinheit und seines Wesens zu bemühen.
Ja, wenn ihr vor ihn hintretet, so bedenkt und begreift, mit wem ihr nun sprechen wollt! Erwägt und erkennt, vor wem ihr steht! Auch wenn wir tausendmal leben würden, wir könnten nie genug begreifen, wie der Herr es verdient, behandelt zu werden – er, vor dem die Engel erzittern!
Alles lenkt er, alles vermag er, sein Wille ist Tat. Es ist also wohl begründet, Töchter, wenn wir danach trachten, uns an der Erhabenheit unseres Bräutigams zu erfreuen und zu erkennen, wem wir angetraut sind und was für ein Leben wir deshalb führen müssen.
Frage: Wie kann ich in meinem eigenen Leben Demut und Dankbarkeit entwickeln, um die Reinheit und Erhabenheit dessen, was mir begegnet, wahrhaft zu erkennen?
Andacht von Bonhoeffer
Ein König, der ans Kreuz geht, muß der König eines wunderlichen Reiches sein. Nur, wer die tiefe Paradoxie des Kreuzesgedankens versteht, kann den ganzen Sinn des Wortes Jesu verstehen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.
Ich bin ein König
Wie ohnmächtig stehst du, mein Jesus, vor Pilatus, dem römischen Statthalter von Jerusalem!
In diesem Moment ist deine göttliche Natur ganz verborgen. So wird sichtbar, dass dein Königtum „nicht von dieser Welt“ ist, also nicht in weltlicher Macht besteht.
Du willst vielmehr König in meinem Herzen sein. Dies fordert mich heraus, an dich zu glauben und dir zu dienen.
Joachim Richter
Frage: Wo in meinem Leben erlebe ich, dass ich Jesus mehr als König meines Herzens annehmen kann, statt nach weltlicher Macht zu streben?
Wie übst du, Jesus, deine Herrschaft aus?
Wo ist dein Herrschersitz? Du selbst hast gesagt: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28).
Diese Lebenshingabe hast du zur Vollendung gebracht, als du deinen Thron bestiegen hast: das Kreuz.
Joachim Richter
Frage: Welche Wege der Hingabe könnten deinen eigenen Alltag verwandeln und deinem Leben eine tiefere Bedeutung verleihen?
Joh 18, 38 Was ist Wahrheit?
Joh 18,38: Pilatus spricht zu ihm: Was ist Wahrheit? Und nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und sprach zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm!
Was ist Wahrheit?
Johannes 18,38 enthält die berühmte Frage des Pilatus: Was ist Wahrheit? Diese Frage stellt er, nachdem Jesus erklärt hat, dass er in die Welt gekommen sei, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen.
Pilatus scheint die Wahrheit relativ zu sehen oder daran zu zweifeln, dass sie erkennbar ist. Er sucht jedoch keine Antwort, sondern geht direkt hinaus zu den Juden und verkündet Jesu Unschuld. Damit zeigt er, dass er sich der Wahrheit zumindest bewusst ist, ihr aber aus politischen Gründen nicht folgt.
Die Szene verdeutlicht den Konflikt zwischen göttlicher Wahrheit und menschlicher Machtpolitik. Jesus steht für eine objektive, göttliche Wahrheit, während Pilatus pragmatisch handelt. Der Vers fordert dazu auf, sich zu fragen, ob man die Wahrheit nur erkennt – oder ob man ihr auch folgt.
Frage: In welchen Bereichen meines Lebens erkenne ich die Wahrheit, aber habe ich den Mut, ihr auch wirklich zu folgen?
Joh 18, 39 Sitte der Freilassung
Joh 18,39: Ihr habt aber eine Gewohnheit, dass ich euch am Passahfest einen freigebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden freigebe?
Joh 18, 40 Barabbas statt Jesus
Joh 18,40: Da schrien sie wieder alle und sprachen: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Mörder.
Irrationale Haltung der Hohenpriester
Gerade die Männer, die eben noch Jesus wegen Verrates gegen den Kaiser angeklagt hatten, erbaten nun die Freilassung eines Mannes, der sich dieses Verbrechens wirklich schuldig gemacht hatte! Die Haltung der Hohenpriester war irrational und haarsträubend, aber so ist die Sünde nun einmal.
Heutiger Barabbas
Die Menschen heute lehnen Jesus immer noch ab und wählen einen anderen. Ihr Barabbas könnte Lust sein, es könnte ein Rausch sein, es könnte das Selbst und die Annehmlichkeiten des Lebens sein. Diese verrückte Wahl wird jeden Tag getroffen, während die Menschen die Begierden ihres Fleisches dem Leben ihrer Seele vorziehen.
Häufige Fragen zu Joh 18, 28-40
Was bedeutet Joh 18, 28-40?
Dieser Abschnitt schildert das Verhör Jesu vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus im Prätorium. Das Geschehen offenbart den tiefen Kontrast zwischen der weltlichen Macht Roms, der religiösen Verblendung der Ankläger und dem kaiserfreien, himmlischen Königtum Jesu, der als Zeuge der Wahrheit vor der Welt steht.
Warum betreten die jüdischen Ankläger das Prätorium nicht und welche erste Frage stellt Pilatus?
Die Ankläger betreten das Prätorium nicht, um nicht unrein zu werden, sondern das Passahmahl essen zu können. Pilatus geht deshalb zu ihnen heraus und fragt nach der konkreten Anklage gegen Jesus, worauf sie ausweichend erklären, sie hätten ihn nicht ausgeliefert, wenn er kein Übeltäter wäre.
Wie reagiert Pilatus auf die Ausflüchte der Ankläger und welche rechtliche Einschränkung bringen diese vor?
Pilatus fordert sie auf, Jesus zu nehmen und ihn nach ihrem eigenen Gesetz zu richten. Die jüdischen Führenden entgegnen daraufhin, dass es ihnen nicht gestattet ist, jemanden zu töten, wodurch sich das Wort Jesu über die Art seines Todes (die Erhöhung am römischen Kreuz) erfüllen soll.
Wie definiert Jesus sein Königtum im privaten Gespräch mit Pilatus im Prätorium?
Auf die Frage des Pilatus, ob er der König der Juden sei, erklärt Jesus, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist; andernfalls würden seine Diener kämpfen, damit er nicht überantwortet werde. Er bekräftigt, dass er dazu geboren und in die Welt gekommen ist, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen, worauf Pilatus mit der berühmten Frage antwortet: „Was ist Wahrheit?“
Welches Urteil fällt Pilatus nach dem Verhör und welches Angebot macht er der Menge?
Pilatus geht wieder heraus und erklärt öffentlich, dass er keinerlei Schuld an Jesus findet. Er erinnert an die Gewohnheit, zum Passahfest einen Gefangenen freizulassen, und schlägt vor, den „König der Juden“ freizugeben, worauf die Menge schreiend die Freilassung des Räubers Barabbas fordert.
Joh 18, 12-27 Verhör und Verleugnung
Joh 19, 1-16 Jesus wird verurteilt