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Tugend des Vergebens

Tut er mir bös, vergebend bin

Wo ein Wille, da ein Weg

Vergebt euch gegenseitig, wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat.‭ Eph 4:32

Vergeben bedeutet nicht gutheißen, was uns zugefügt wurde. Nur wo etwas schlecht war, ist Vergebung überhaupt angebracht. Doch solange wir nicht vergeben wollen, bleiben auch wir selbst in der Fessel verhaftet, in die uns die Sünde des anderen geschlagen hat. Und wir bleiben darin gefangen. Es kann manchmal sehr lange dauern, bis man bereit ist, Vergebung zu schenken. Der Anfang ist gemacht, wenn der Wunsch zu vergeben in uns aufkeimt. Er holt uns aus der Passivität und löst die uns angelegte Fessel. Wir beginnen wieder unsere Würde in Anspruch zu nehmen, die der andere verletzt hat. Wir gelangen allmählich wieder zum Eigenbesitz unserer selbst. Achten wir auf unser Herz, dass es die Härte, die der Vergebung oft im Weg steht, überwindet.

Herzenshärte ist das Schändlichste von allem, weil sie keine Barmherzigkeit kennt, nichts von Liebe wissen will und weil sie nichts Gutes wirken kann. Hildegard von Bingen

Vergebung empfangen

Seid nachsichtig mit den Fehlern der anderen und vergebt denen, die euch gekränkt haben. Vergesst nicht, dass der Herr euch vergeben hat und dass ihr deshalb auch anderen vergeben müsst.‭ Kol 3:13

Das eine ist es, jemanden zu vergeben. Das andere ist, jemanden um Vergebung zu bitten. Das empfinden viele als bitter, weil wir uns vor Demütigung fürchten. Wie schwer fällt es uns, aus ganzem Herzen um Vergebung zu bitten! Da gehen wir bildhaft gesprochen in die Knie. Das ist oft schwerer als selbst zu vergeben. Mein Schlüsselerlebnis war folgendes: Streit mit einer Mitarbeiterin. Ein Jahr nicht miteinander gesprochen. Dann die Überwindung: Ich bat um Vergebung. Sie vergab mir und gestand auch ein, selbst nicht ganz unschuldig gewesen zu sein. Damals habe ich mir geschworen: Das passiert mir nie wieder! Wenn es Streit gibt, gehe ich spätestens am nächsten Morgen wieder auf den anderen zu.    

Vergebung: 5 Schritte ( nach A. Grün)

1. Den Schmerz zulassen: Beleidigung nicht verharmlosen.  

2. Wut zulassen: schafft Distanz, um wieder zu mir zu kommen  

3. Ansehen und verstehen: die Beleidigung, den Beleidiger und mich selbst als Beleidigten verstehen, ohne zu bewerten.  

4. Der Schritt zur Vergebung: aktiv befreie ich mich von der Macht des anderen, der mich beleidigt hat. Und ich befreie mich von der negativen Energie, die durch die Beleidigung des anderen noch in mir ist. Wenn ich nicht vergeben kann, bin ich noch an den anderen gebunden. Ich lasse meine Stimmung noch von ihm bestimmen. In der Vergebung reiße ich mich los von der Bindung an den anderen. Ich lasse ihn sein, wie er ist. Das bedeutet nicht, dass ich ihm gleich um den Hals falle. Es kann durchaus sein, dass ich noch längere Zeit des Abstands brauche, damit die Vergebung sich in mir durchsetzen kann, dass sie nicht nur ein Akt des Willens bleibt, sondern auch in mein Herz dringt.  

5. Die Wunde wird zur Perle: Dort, wo ich verletzt ­worden bin, bin ich auch aufgebrochen ­worden für mein wahres Selbst. Meine Masken und Rollen wurden zerbrochen. Und durch die Wunde hindurch erkenne ich ­meine eigenen Fähigkeiten. Ich mache mich auf den Weg, bewusster zu leben.    

Vergebung – Große Geschichten 1

Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute. Röm 12:21

Erino Dapozzo war im KZ. Er litt Hunger und Krankheit. An Weihnachten 1943 ließ ihn der Kommandant zu sich rufen. Dapozzo musste hungernd zusehen, wie der KZ-Leiter üppig speiste und noch die Kuchen aß, die Dapozzos Frau ihrem Mann geschickt hatte. Hass war die naheliegende Antwort. Dapozzo betete gegen den Hass an. Er bat um Liebe und konnte so den Hass überwinden. Nach dem Krieg fand er den Kommandanten nach langem Suchen. Dapozzo berichtet: Ich sagte zu ihm: „‚Ich bin Nummer 17531. Erinnern Sie sich an Weihnachten 1943?‘ Da bekam er plötzlich Angst. ‚Sie sind gekommen, um sich an mir zu rächen?‘ Ja, bestätigte ich und öffnete ein großes Paket. Ein herrlicher Kuchen kam zum Vorschein. Ich bat seine Frau, Kaffee zu kochen. Dann aßen wir schweigend den Kuchen und tranken Kaffee. Der Kommandant begann zu weinen und mich um Verzeihung zu bitten. Ich erzählte ihm, dass ich ihm um Christi willen vergeben hätte.    

Vergebung – Große Geschichten 2

Vergebung ist kein Gefühl, sondern ein Akt des Willens. Corrie ten Boom

Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete Corrie ten Boom ein Heim für Opfer des Nationalsozialismus. Sie lehrte in der ganzen Welt über Vergebung und erlebte, wie Menschen frei wurden von Bitterkeit und Hass. Doch dann trifft Corrie ten Boom den Mörder ihrer Schwester Betsie und dieser bittet sie um Vergebung. Corrie zögert und spürt, dass sie aus eigener Kraft nicht vergeben kann. Doch sie übergibt sich in ihrer Schwachheit ganz dem Herrn und daraufhin erfährt sie die große Gnade Gottes, dem Mörder ihrer Schwester vergeben zu können. Sie erfährt in ihrer Schwachheit die Kraft unseres Heilandes Jesus Christus. In dem Moment, in dem Corrie die Hand des Mörders ihrer Schwester ergreift, geschieht Unglaubliches: Eine riesige Last fällt von ihren Schultern, ihr ganzes Sein wird von dieser heilenden Wärme durchflutet. Sie hat Tränen in den Augen, als sie sagt: „Ich vergebe dir, Bruder. Ich vergebe dir von ganzem Herzen.“ Corrie ten Boom schreibt später in ihrem Buch „Die Zuflucht“ unter dieses Zeugnis von unglaublicher Liebe, dass sie niemals die Liebe Gottes so erlebt hatte, wie damals in diesem Moment.

Wider die Bitterkeit

Vergebt denen, die euch gekränkt haben. Vergesst nicht, dass der Herr euch vergeben hat und dass ihr deshalb auch anderen vergeben müsst. Kol 3,13

Viele Male tragen wir ein Verzeichnis der Dinge mit uns herum, die uns angetan wurden. Das macht uns bitter und diese Bitterkeit lassen wir dann bei irgendeiner Gelegenheit wieder heraus. Ein Teufelskreis. Es gibt kein menschliches Zusammenleben ohne Verzeihung. Denn ob wir wollen oder nicht, immer wieder werden wir einander verletzen. Die Bereitschaft zur Vergebung betrifft nicht an erster Stelle Menschen, mit denen wir wenig zu tun haben, sondern die Allernächsten, denen wir am meisten unser Herz geöffnet und die uns tief verletzt haben: Dem Ehepartner, den Kinder, Eltern, Schwiegereltern, Nachbarn etc.

Vergebung ist die Macht, welche die Ketten der Bitterkeit und die Fesseln der Selbstsucht zerbricht. Corrie ten Boom

Unversöhnlichkeit ist eine bittere Wurzel

Seht zu, dass keine bittere Wurzel wächst. Heb 12,15

Wenn wir uns weigern, zu vergeben, verschließt sich unser Herz. Die Unversöhnlichkeit ist eine bittere Wurzel, die uns geistig in Ketten legt, Mauern um uns errichtet und unser Herz zu Stein verhärtet. Ich war einmal fast ein Jahr mit einer Kollegin unversöhnlich. Welch grausame Zeit. Gott sei’s gedankt für die Kraft zur Versöhnung. Vor Gott nahm ich mir vor, dass es nie mehr so weit kommen darf. Unversöhnlichkeit hält uns gefangen und öffnet psychosomatischen und seelischen Krankheiten Tür und Tor. Hast du einen Menschen, mit dem du unversöhnt bist? Bitte Jesus, unseren Arzt, dass er die bittere Wurzel der Unversöhnlichkeit aus deinem Herzen reißt! Bitte ihm um die Gnade, allen alles verzeihen zu können!

Durch Unversöhnlichkeit richten wir eine Wand auf zwischen Gott und unserer Seele. Carl Eichhorn

Den Anderen unter das Kreuz Christi stellen

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Lk 23,34

Eine Hilfe bei der Vergebung ist es, sich die andere Person mit unserem Herrn Jesus vorzustellen und zum Herrn zu sagen: „Ich liebe sie, weil Du sie liebst. Ich vergebe, weil Du vergibst.“ (Robert de Grandis) Indem wir einander vergeben, geben wir der Vergebung Jesu Raum. Wir erkennen in dem Anderen nicht mehr den, der uns etwas zuleide tat, sondern den, dem Christus am Kreuz die Vergebung erwirkt hat. Wir begegnen einander als die durch Jesu Kreuz Geheiligten.

Die größte Quelle des Glaubens ist die Betrachtung des Kreuzes Christi. Charles Spurgeon

Sich selbst vergeben

Gott hat den Schuldschein, der uns mit seinen Forderungen so schwer belastete, für ungültig erklärt. Ja, er hat ihn zusammen mit Jesus ans Kreuz genagelt und somit auf ewig vernichtet. Kol 2:14

Unser Stolz erschwert uns oft nicht nur dem Nächsten zu vergeben, sondern ebenso die Vergebung uns selbst gegenüber auszusprechen. Gerade fromme Menschen sind oft streng mit sich selbst und klagen sich bei Fehlschlägen heftig an. Bitte Gott um Vergebung, beichte deinen Fehlschlag in Reue und dann lass es gut sein. Ansonsten beleidigst du die Barmherzigkeit Gottes und zweifelst an ihr. Dabei leben wir in dieser Verheißung: „Keine der Sünden, die er früher begangen hat, wird ihm angerechnet.“ (Ez 33,16). Gottes größte Freude besteht im Vergeben.Herr, voll Vertrauen komme ich zu dir. Vergib mir und hilf mir, auch mir selbst vergeben zu können.

Ich glaube, wenn Gott uns vergibt, müssen wir uns auch selbst vergeben. Es nicht zu tun, bedeutet, sich selbst über Gott zu stellen. Clive Staples Lewis

Reue als Voraussetzung für Vergebung

Wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will mich ändern!, so sollst du ihm vergeben. Lk 17,4

Reue ist eine Voraussetzung für Vergebung. Wer keine Erkenntnis der Schuld hat, der zeigt auch keine Reue. Wer keine Reue zeigt, dem kann auch nicht vergeben werden. Das deutsche Wort Reue meint ursprünglich traurig und betrübt zu sein, beschreibt also den seelischen Schmerz über etwas, das wir getan oder unterlassen haben mit dem Vorsatz, es zukünftig besser zu machen (=Buße). Reue bedeutet eine Veränderung des Herzens und die bewusste Entscheidung, umzukehren. Es geht nicht um eine oberflächliche und vorübergehende Umkehr, sondern um einen geistlichen Weg, der die Haltungen des Gewissens in der Tiefe betrifft und einen aufrichtigen Vorsatz zur Besserung verlangt. In wahrer Reue und in einem demütigen Herzen erst wird die Hoffnung auf Verzeihung geboren.

Die Reue ist innerlich im Herzen. Thomas von Aquin

Vergebung steht immer am Ende

Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben. Euer Vater im Himmel wird euch vergeben, wenn ihr den Menschen vergebt, die euch Unrecht getan haben. Mt 6:12;14

Verletzungen erzeugen Schmerz oder Wut. Solange dieser Schmerz, diese Wut in dir steckt, ist Vergebung nicht möglich. Vergebung steht immer am Ende der Wut und nicht am Anfang. Der Schmerz und die Wut muss gefühlt werden und darf nicht verdrängt werden: wir sind Menschen! Gefühle lassen sich nicht kontrollieren und bestimmen. Vergebung kann oft ein längerer Weg sein, wo sich Schmerz und Wut in Empathie und Liebe verwandelt. Nur dann kann sich echte Vergebung ereignen. Echte Vergebung ist es, wenn man an die andere Person denken und sich erinnern kann ohne Ärger, Zorn, Bitterkeit, Schmerz, Tränen, ohne ihr etwas nachzutragen.

Welch eine Beifeiung ist es, wenn man vergeben kann. Corrie Ten Boom

Vergebung ermöglichen durch Empathie

Wenn wir behaupten, sündlos zu sein, betrügen wir uns selbst. 1. Joh 1:8

Die Freiheit zum Verzeihen ist denen leichter zugänglich, die auch an sich selbst Fehler sehen. Die Perfekten und Fehlerlosen tun sich außerordentlich schwer mit dem Verzeihen. Einfach und sehr wirkungsvoll ist für mich diese Übung: Hat mich jemand mit seinem Verhalten verletzt, dann frage ich mich, ob ich mit dem gleichen Verhalten auch schon einmal jemanden in gleicher Weise verletzt habe. Die Antwort lautet bei mir immer: Ja! Das fördert in mir die Empathie, dass der andere wie auch ich nur Menschen sind, die sich immer wieder auch verletzen. Gott sei’s gedankt für die Kraft zur Versöhnung.

Ich bin auch nur ein Mensch! Apg 10:26

Ermunterung zur Vergebung

Jetzt müsst ihr ihm vergeben und ihn ermutigen, denn er soll nicht verzweifeln. 2. Kor 2:7

Wenn wir vor ihm erscheinen wollen, müssen wir uns auch bewegen und aufeinander zugehen. Dazu müssen wir die große Lektion der Vergebung lernen: Nicht im Herzen das nagende Gefühl des Grolls arbeiten lassen, sondern das Herz für die Großmut öffnen und dem anderen zuhören, das Herz für das Verständnis ihm gegenüber öffnen, um möglicherweise seine Entschuldigungen anzunehmen und unsere eigenen großzügig anzubieten. Benedikt XVI

Strenge dich notfalls an, denjenigen immer und vom ersten Augenblick an zu vergeben, die dich beleidigen. Denn auch wenn der Schaden oder die Beleidigung noch so groß ist, hat Gott dir mehr vergeben. Josemaría Escrivá

Vergebung ist kein Gefühl, sondern ein Akt des Willens. Welch eine Beifeiung ist es, wenn man vergeben kann. Corrie ten Boom