Tägliche Andacht mit Wochenthema und Bibelkommentar

Hohelied Kap. 3-8: Auslegung

Kapitel 3

Hld 3,4: Ich habe den gefunden, den meine Seele liebt. Ich habe ihn gefunden und lasse ihn nicht.

Gefundene Liebe: Die gewonnene Liebe aber läßt uns beschauen. Die Liebe drängt dazu, die geliebte Schönheit immer noch aufmerksamer anzuschauen und das Schauen zwingt das Herz, sie immer noch brennender zu lieben. Die Beschauung ist ein liebevolles, einfaches, ständiges Aufmerken des Geistes auf göttliche Dinge. Um zum beschaulichen Gebet zu gelangen, müssen wir für gewöhnlich das Wort Gottes hören, mit anderen geistliche Gespräche pflegen, fromme Bücher lesen, beten, betrachten, geistliche Lieder singen, gute Gedanken hegen. Die Beschauung hängt nicht von unserer Bemühung ab, sondern Gott bewirkt sie in uns durch seine heilige Gnade, wenn es ihm gefällt.

Kapitel 4

Hld 4,9: Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut. Ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette.

Hld 4,9: Mit einem einzigen Blick hast du mein Herz gestohlen.

Verzaubert – gestohlenes Herz: Gott ist verzaubert von der Schönheit der Braut. Kleinigkeiten wie eine Perle der Halskette genügen dazu. Schon kleine Bezeugungen unserer Liebe zu Gott, kleine Taten der Liebe vermögen Gott aufs höchste zu erfreuen und im Innern zu berühren. Dabei ist es nicht das Außerordentliche der menschlichen Tat, das eine solche Reaktion in ihm bewirkt. Weil er uns mit solch überschwänglicher Liebe liebt, deshalb sind für ihn die geringsten Liebesbezeugungen unendlich wertvoll. Auch wenn es uns schwer fassbar erscheint: Christus verlangt nach unserer Liebe. Jede noch so kleine Regung der Liebe lässt ihn jubeln. Jede Tugend, jede innere Schönheit des geringsten unserer Gedanken, Worte oder Werke ist für ihn Grund zu größter Freude.

Blick in die Augen: Der Blick in die Augen ist etwas ganz Wichtiges und dennoch erst einmal was ganz banales und Alltägliches. So ist es auch mit unserem Tun. Wer Jesus dient, sollte auch den kleinen und unscheinbaren Dingen ebensoviel Sorgfalt widmen wie den großen und erhabenen. Sei bereit alles für Jesus zu geben, selbst dein Leben, wenn dir aber die göttliche Vorsehung nicht so große Prüfungen schickt, so ertrage gelassen die kleinen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, die kleinen alltäglichen Opfer, lege in die viel Liebe hinein. Die großen Gelegenheiten, Gott zu dienen, sind selten: kleine gibt es immer. Diese täglichen kleinen Liebesdienste, alle diese kleinen Leiden in Liebe angenommen erfreuen die göttliche Güte. Da sich solche Gelegenheiten sehr oft bieten, bieten sie einen unschätzbaren Reichtum für geistlichen Wachstum. Bleiben Sie beharrlich dabei, sich tapfer zu überwinden bei diesen kleinen täglichen Ärgerlichkeiten, die Ihnen zustoßen; richten Sie Ihre Bestrebungen hauptsächlich darauf. Sie müssen wissen, dass Gott für den Augenblick nichts von uns will als das; bemühen Sie sich also gar nicht, anderes zu tun.

Hld 4,15: Du bist eine sprudelnde Quelle mit frischem Wasser.

Sprudelnde Quelle: Man zieht sich zu Gott zurück, wenn man sich zu ihm erhebt und man erhebt sich zu ihm, um sich in ihn zurückzuziehen. So sind die Erhebungen zu Gott und das Zurückziehen in die geistige Einsamkeit eng miteinander verbunden. Das Gebet versetzt uns in die Wärme der göttlichen Liebe, es macht uns innerlich hell und reinigt uns so von allem Dunklen. Das Gebet ist die Quelle, deren Wasser in uns unsere guten Wünsche zum Blühen bringt und unser so oft erhitztes Herz abkühlt. Denn im Gebet sind wir direkt mit ihm verbunden, wird er selbst zur sprudelnden Quelle für uns.

Kapitel 5

Hld 5,2: Ich schlief, doch mein Herz war wach. Da, es klopft. Mein Liebster kommt!

Waches Herz: Der heilige Geist spricht mitten am Tag zu uns ohne unser Zutun durch Einsprechungen. Gewissermaßen weist er uns auf dieses oder jenes hin, um uns zum Guten zu führen. Freuen wir uns über solche Einsprechungen, stimmen ihnen zu und führen sie aus. Er ruft uns. An uns liegt es, ob wir ihn hören. Wie allmächtig auch die Kraft der barmherzigen Hand Gottes ist, die die Seele mit so vielen Einsprechungen, Anregungen und Lockungen rührt, umhüllt und fesselt, der menschliche Wille bleibt doch stets vollkommen frei, ohne einem äußeren oder inneren Zwang zu unterliegen.

Wie armselig ist oft unsere Liebe, wie zögerlich unsere Antwort auf die Liebe des Herrn, der für uns so viel getan hat! Christus hat für uns den ganzen Weg durch das Dunkel des Leidens und die Finsternis der Gottesferne auf sich genommen. Er bittet: Wacht und betet. Wir folgen seinem Ruf oft nur zögerlich. Wie oft leben wir, obwohl unser Herz schon aufgeweckt wurde durch die göttliche Liebe, noch im Halbschlaf dahin! Wenn wir unseren täglichen Beschäftigungen nachgehen, ohne an Gott zu denken, haben wir unser Taufkleid gleichsam abgelegt und sind zu träge, uns anzukleiden. Wie oft scheuen wir die Mühe des Weges, uns aufzumachen, das bequeme Dahinleben zu unterbrechen und uns in die Gegenwart des Herrn zu begeben

Hld 5,4: Mein Geliebter streckte die Hand durch die Luke. Da bebte mein Herz ihm entgegen.

Gott reicht uns die Hand: Gott lässt sich nicht entmutigen von unserer schwächlichen Liebe. Er kennt unsere Unfähigkeit, ihm aus eigener Kraft entgegenzugehen und ihm die Tür zu öffnen. Deswegen streckt er seine Hand aus: Er kommt uns mit seinem Heiligen Geist zu Hilfe, dass wir uns zu ihm aufmachen und uns seiner Gegenwart öffnen können. Erst wenn Gott seine Hand durch die Luke hereinstreckt, wenn sein Heiliger Geist in unserem Innern wirkt, dann erwacht in uns die Liebe, die uns befähigt, ihm die Tür zu öffnen.

Hld 5,5: Ich stand auf, dem Geliebten zu öffnen.

Hld 5,6: Ich öffnete meinem Geliebten: Doch der Geliebte war weg, verschwunden. Mir stockte der Atem: Er war weg. Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht. Ich rief ihn, er antwortete nicht.

Verborgener Gott: Was den uns liebenden Gott dazu bewegt, sich zu verbergen, ist aus der Wirkung zu ersehen, die sein Handeln auf die Seele hat. Die Seele wird durch die Abwesenheit des Geliebten verwandelt. Erst in seiner Abwesenheit bemerkt sie, wie sehr sie seiner Gegenwart bedarf. Seine Abwesenheit lässt die Liebe in der Form des schmerzlichen Vermissens in neuer Tiefe aufbrechen. Sie ruft, sie sucht, nun ist ihr kein Weg mehr zu weit. Auch wenn der liebende Gott sich dem Menschen entzieht: es geschieht aus Liebe! Franz von Sales 

Wenn sich Gott dir entzieht und du seine Gegenwart gerade nicht spürst, dann nehme dies stets zum Anlass, dich umso mehr in seine Arme zu werfen. So wird die Trockenheit zum fruchtbaren Land.

Hld 5,10-11: Mein Geliebter ist weiß und rot. Seine Augen sind wie Tauben.

Aussehen des Geliebten: Jesus ist strahlend weiß im Lichtgewand der Verklärung und der Auferstehung und rot im Blut des Kreuzestodes. Seine Augen sind wie Tauben, rein und voller Sanftmut. Diesen Blick Christi zu meditieren ist eine unerschöpfliche Quelle. Wer im Gebet den Blick Christi sucht und sich von ihm betrachten lässt, den erfüllt er mit dem lebendigen Wasser des Heiligen Geistes. Der einfache gegenseitige Blick ohne Worte ist ein tiefes Gebet, das uns umgestaltet und ihm ähnlich macht durch das Wirken des Heiligen Geistes.

Hld 5,16: Seine Küsse sind zärtlich, alles an ihm ist begehrenswert. So ist mein Liebster, mein Freund, ihr Mädchen von Jerusalem.

Zärtliche Küsse: Sicherlich nicht von jedem, aber gerade von uns nah stehenden Personen tut körperliche Nähe gut, die immer Ausdruck der Seelenverbundenheit ist. Umarmungen und Streicheleinheiten geben uns ein sehr gutes Gefühl. Über Berührungen fühlen wir die Qualität der Beziehung und wir zeigen auch über Zärtlichkeiten unsere Liebe. Eine zärtliche Berührung oder Umarmung zählt oft mehr, als das gesprochene Wort. Gerade in einer verkopften, technisierten Gesellschaft sollten wir das nicht aus dem Auge verlieren. Auch Jesus selbst kommen wir nur dann näher, wenn wir uns zärtlich von ihm berühren lassen. Dir einen guten Start ins Wochenende. Sei zärtlich.

Kapitel 6

Hld 6,3: Meinem Geliebten gehöre ich, und mir gehört der Geliebte, der in den Lilien weidet.

Einheit der Liebe: Die Einheit der Liebe mit Gott findet dadurch ihre Vollendung, dass wir in Christus bleiben. Je mehr wir in Christus bleiben, desto fester und wird unsere Liebe. Es ist dann nicht mehr nur Liebe aus menschlicher Kraft, es ist die Liebe des Bräutigams selbst, die in unsere Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist. In dieser Endgültigkeit der Liebe liegt ein Friede, eine Gewissheit, eine Freude, die durch nichts mehr zu erschüttern ist. Durch die völlige Entblößung von allem äußeren und inneren Besitz, ist die Seele sich selbst enteignet und zu solcher Selbst-Übereignung fähig gemacht worden. Dieses vollkommene Sich-Schenken in der Liebe steht letztlich nicht in unserer Macht. Es ist eine Gnade, die wir nur erbitten können.

Herr, nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen dir. Nikolaus von Flüe

Kapitel 7

Hld 7,1: Dreh dich beim Tanz im Kreise.

Tanz mit Gott: Komm, Herr, und lade uns ein! Wir sind bereit, mit Dir zu tanzen: diesen Gang, jene Abrechnung, das Mittagessen, das zu kochen ist; die Nachtwache, bei der uns die Augen zufallen. Wir sind bereit zum Tanz der Arbeit, zum Tanz der Hitze, später zum Tanz der Kälte. Wenn manche Melodien in Moll sind, finden wir sie deshalb nicht traurig. Wenn uns etwas außer Atem bringt, finden wir es deshalb nicht erschöpfend. Wenn man uns drängt und stößt, nehmen wir das lachend hin, denn wir wissen, daß das beim Tanzen immer vorkommt. Lehre uns, Herr, wie sich der Tanz unseres Gehorsams in den Liebesroman einordnet, der zwischen Dir und uns begonnen hat. Gib uns Einblick in das große Orchester Deiner Pläne, in dem Du mitten in der heiteren Harmonie fremdartige Klänge zulässt. Lehre uns, unser Leben täglich neu anzuziehen wie ein Ballkleid und alles, was dazu gehört, wie unentbehrliche Kleinodien zu lieben

Hld 7,8-9: Deine Gestalt gleicht einer hohen Dattelpalme, und deine Brüste sind wie ihre Früchte. Ich sagte mir: Ich will auf die Palme steigen und nach ihren reifen Früchten greifen. Freuen will ich mich an deinen Brüsten.

Leidenschaftliche Liebe: Das Liebesverlangen Gottes nach uns ist geistiger Natur, aber das Bild der geschlechtlichen Liebe vermag die Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit der göttlichen Liebe herauszustellen wie kein anderes. Ja, viel größer ist das Verlangen Gottes nach dem Menschen, als der Mensch es sich je ausdenken könnte, und viel größer, als der Mensch je nach der Gemeinschaft mit Gott verlangen könnte. Wenn man nicht schweigen will, bleibt keine andere Möglichkeit, als die stärksten Bilder der Schöpfung für das Verlangen Gottes nach dem Menschen zu verwenden.

Hld 7,11: Ich gehöre meinem Geliebten, und ihn verlangt nach mir. Komm, mein Geliebter, wandern wir auf das Land.

Liebesverlangen des Menschen: Lasst uns erkennen, wie sehr sich Gott nach uns und unserer Liebe sehnt. Diese Liebe drängt uns ihn zu lieben, ganz ihm zu gehören und aus unserem Leben auf immer eine Gabe zu machen, die Gott wohlgefällt. Darum allein geht es doch: sich in allem Gott hingeben und seinen Willen tun. Die Braut (also wir!) sehnt sich danach, mit dem Geliebten allein zu sein in der Zurückgezogenheit, im stillen Gebet. Wenn es uns gelingt, schon am Morgen in einer Zeit des Gebets bei Gott zu sein, werden wir leichter den ganzen Tag über in seiner Gegenwart bleiben können. So leben wir immer und überall in ihm, durch ihn und für ihn.

Kapitel 8

Hld 8,6: Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm! Denn die Liebe ist stark wie der Tod.

Siegel auf dein Herz: Bei einem Siegel ist das Wachs untrennbar mit dem Papier verbunden. Das Siegelzeichen zeigt, wem das Blatt Papier gehört. Der Bräutigam bittet die Braut, ihn wie ein Siegel an Herz und Arm zu tragen d.h., ihn in jedem Moment in ihrem Herzen und in ihren Gedanken zu tragen und ihn anzubeten in Liebe. Das ist innerste Verbundenheit, die Quelle großer Freude ist. Gaudete! Freut euch! Am Baum des Kreuzes hat Christus alles Trennende auf sich genommen. Am Baum des Kreuzes hat er uns aus dem Todesschlaf der Gottferne geweckt. Am Baum des Kreuzes zeigt sich seine völlig entäußernde Liebe, des reinsten und stärksten Verlangens Gottes nach dem Menschen. Franz von Sales

Hld 8,6: Die Liebe ist stark wie der Tod.

Stark wie der Tod ist die Liebe: Es ist eine heilige Haltung, Gott für alle Ereignisse, die seine Vorsehung anordnet, zu preisen und zu danken. Es ist eine heilige Haltung, es ganz ihm zu überlassen, in uns, über uns und mit uns zu schalten und zu walten, wie es ihm beliebt. Nichts wollen, sondern Gott wollen lassen! Allein in Erwartung zu sein, keine Tätigkeit, sondern ein einfaches Bereitsein, das zu empfangen, was geschehen wird. Und wenn die Ereignisse eingetreten und angenommen worden sind, verwandelt sich die Erwartung in Einwilligung und Zustimmung. Die Liebe allein gibt uns die Kraft, alles zu verlassen, vor allem unseren Eigenwillen.

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Tägliche Andacht

Mein Name ist Joachim Brenner. Ich arbeite als Lehrer für Kinder und Jugendliche mit einer körperlichen Behinderung. Den täglichen christlichen Impuls schreibe ich seit 2014.

Ich in der Wüste