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Hohelied – Auslegungen

Hohelied – Kapitel 1

Vorwort

Das Hohelied ist eine Sammlung von wunderbaren Liebesliedern, die das Geheimnis der Liebe zwischen Mann und Frau in unübertroffenen Bildern schildern. Die sexuelle und erotische Liebe wird hier als Geschenk Gottes an den Menschen gesehen. Sie verzaubert Mann und Frau. Es ist nicht die eheliche Liebe, die hier besungen wird, sondern die freie Liebe zwischen Mann und Frau. Ohne moralischen Zeigefinger wird hier die sexuelle Liebe positiv gesehen.

Die Mystik aller Zeiten, schon die jüdische Mystik, aber auch die christliche Mystik, angefangen von Origenes über Gregor den Großen, Bernhard von Clairvaux und Johannes vom Kreuz, haben die Liebeslieder zwischen Mann und Frau als Ausdruck der Liebe Gottes zum Menschen und der Liebessehnsucht des Menschen nach Gott verstanden. Johannes vom Kreuz hat sich auf seinem Sterbebett das Hohelied der Liebe vorlesen lassen. Da ging für ihn in Erfüllung, was das Hohelied besingt: «Ja, stark wie der Tod ist die Liebe … Gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen» (Hld 8,6f). Seither fanden Liebende ihre Liebe in den wunderbaren Gedichten dieses biblischen Buches am schönsten ausgedrückt: «Du hast mich verzaubert, meine Schwester Braut; verzaubert mit einem einzigen deiner Blicke» (Hld 4,9).

Jede menschliche Liebe spiegelt Gottes Liebe zu uns wider. Während uns die menschliche Liebe zugleich verzaubert und uns vor Sehnsucht krank macht, während wir unsere menschliche Liebe immer wieder auch als brüchig erfahren, ist Gottes Liebe ohne Vermischungen mit Besitzansprüchen. Es ist die Liebe, die allein letztlich unsere tiefste Sehnsucht zu erfüllen vermag.

Hld 1,1: Sehnsüchtige Liebe

Er küsse mich mit dem Kuß seines Mundes. Hld 1,1

Sehnsüchtige Liebe als Herzensvereinigung drängt zum Kuss, Lippe auf Lippe als Ausdruck des Verlangens, seine Seele in die des anderen so vollkommen zu ergießen, daß beide zu einer einzigen verschmelzen. Das Ziel der Liebe ist kein anderes als die Vereinigung des Liebenden mit dem geliebten Wesen. Liebe strebt nach Verbundenheit. Und die Verbundenheit verstärkt die Liebe. Die Liebe treibt an, das Beisammensein, die Vereinigung zu suchen. Die innere Beziehung des Liebenden zum geliebten Wesen ist die erste Quelle der Liebe. Diese Beziehung besteht aber darin, daß sie einander ergänzen, daß zwei Liebende durch ihre Verbindung einander Wertvolles geben.

Hld 1,2: Ruf der Sehnsucht

Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Hdl 1,2

Dies ist ein Ruf der Sehnsucht. Der Wunsch geküsst zu werden. Der Kuss ist die zarte Berührung, in der die Liebenden einander ihre Liebe spüren lassen. Darin liegt die tiefste Sehnsucht jedes Menschen: geliebt zu werden und diese Liebe auch zu erfahren, zu spüren. Nach solch spürbarer Mitteilung der göttlichen Liebe sehnen wir uns. All das Suchen, Streben und Verlangen der Menschen entspringt dieser Ur-Sehnsucht nach Liebe, nach einer absoluten und vollkommenen Liebe. In Gott allein kommt all unser Sehnen ans Ziel. Dieser Vers wird auch auf die Dreifaltigkeit gedeutet: Der Sohn ist der Mund des Vaters: Durch Christus allein kommen wir in Berührung mit der Liebe des Vaters. Der Kuss selbst ist der heilige Geist.

Hld 1,2: Süße Liebe

Süßer als Wein ist deine Liebe. Hdl 1,2

Die Liebe des dreifaltigen Gottes ist größer und höher als alles, was es in der Welt gibt. Nur sie vermag das Herz ganz und dauerhaft zu erfüllen, nur sie schenkt Genuss ohne böses Erwachen, festliche Freude ohne Verdrängung der Wirklichkeit, die Ekstase der vollkommenen Hingabe ohne Verlust der Identität. Solange wir das nicht verstanden haben, werden wir nicht aufhören, irdischen Gütern nachzujagen, als vermöchten sie endgültige Erfüllung zu schenken. Nur wenn wir die alles überragende Güte Gottes erkennen, werden wir uns lösen von falschen Bindungen an irdische Güter. Dann werden wir freie Menschen. Der Tod trennt die Seele der Sterbenden vom Leib und von allen Dingen der Welt. Auch die heilige Liebe trennt die Seele der Liebenden von ihrem Leib und von allen Dingen der Welt. Es gibt hier nur den einen Unterschied, daß der Tod dies immer in Wirklichkeit tut, was bei der Liebe für gewöhnlich nur im Herzen geschieht.

Hld 1,3: Schönheit des Christus

Dein Name ist wie ausgegossenes Salböl. Hdl 1:3

Gott überreiche Güte erhält keinen Zuwachs an Gutem durch alle Lobpreisungen, die wir ihm spenden. Er wird dadurch weder reicher noch größer, weder zufriedener noch glücklicher. Die Seele wünscht daher wenigstens, daß sein Name mehr und mehr gepriesen und angebetet wird. Wie eine Biene von Blüte zu Blüte fliegt, so betrachtet die Seele Gottes Herrlichkeit. Damit lobt sie soviel sie kann, den Namen ihres Vielgeliebten. Je mehr das Herz lobt, um so mehr findet es Gefallen an dem Lob.

Köstlich ist der Duft deiner Salben. Dein Name ist hingegossenes Salböl. Hdl 1,3

Wer Christus wirklich begegnet, ist fasziniert von seiner Schönheit, von dem Wohlgeruch, der von seiner Person ausströmt. Wer Christus in der Heiligen Schrift betrachtet, wird selbst erfüllt vom Duft Christi, dem Heiligen Geist. Wenn wir Jesu Namen aussprechen und dabei daran denken, wer er ist und was er für uns getan hat, dann werden wir erfüllt von der Salbung des Heiligen Geistes. Der Name Jesus bedeutet: Gott rettet. So enthält er die sich ganz entäußernde Liebe des Vaters zu uns, die er uns im Heiligen Geist mitteilt. Wenn wir seinen Namen aussprechen, tauchen wir ein in den Strom der Liebe des dreifaltigen Gottes

Hld 1,4: Zieh mich

Zieh mich her hinter dir! Lass uns eilen! Hdl 1,4

Ziehe mich: wir werden dir nachlaufen. Hohelied 1:4

Wir sehnen uns nach der Gemeinschaft der Liebe mit Gott und können doch von uns allein aus nicht den kleinsten Schritt tun. Nur die Bitte: Zieh mich durch deine Gnade. „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15, 5). Er tut es! Dann aber liegt es an unserer Freiheit, die geschenkte Gnade aufzunehmen und den Heiligen Geist, der uns zieht, in uns wirken zu lassen. „Müht euch mit ganzer Kraft, durch die enge Tür zu gelangen!“ (Lk 13, 24).

Was bedeutet denn die Bitte, „Angezogen“ zu werden anderes, als sich aufs innigste mit dem Gegenstand vereinen zu wollen, der das Herz in Bann schlägt? Wenn Feuer und Eisen vernunftbegabt wären, und dieses zu jenem sagte: Ziehe mich an, bewiese das nicht, dass es mit dem Feuer so eins sein möchte, dass dieses es durchdringe und durchtränke mit seiner brennenden Substanz und nur mehr eins scheine mit ihm. Vielgeliebte Mutter, das ist mein Gebet, ich bitte Jesus, mich in die Flammen seiner Liebe hineinzuziehen, mich so innig mit Ihm zu vereinen, dass Er in mir lebe und wirke. Ich fühl’ es, je mehr das Feuer der Liebe mein Herz durchglüht, je mehr ich zu sagen vermag: Ziehe mich an dich, umso mehr werden auch die Seelen, die sich mir nahen werden (einem armseligen, unnützen Stückchen Eisen, sobald ich mich vom göttlichen Glutofen entfernte), mit Geschwindigkeit dem Duft der Wohlgerüche ihres Viel-Geliebten nacheilen, denn eine von Liebe entflammte Seele kann nicht untätig bleiben; gewiss sitzt sie wie die Hl. Magdalena zu Füßen Jesu, sie lauscht seinem süßen, feurigen Wort. Sie scheint nichts zu geben und gibt doch viel mehr als Martha (vgl. Lk 10,41) […]. Hl. Theresia vom Kinde Jesu

Wer aber sagt: Ziehe mich! hat etwas, was er will, und etwas, was er nicht kann. Gregor der Große

Hld 1,4: Lobpreis angesichts seiner Liebe

Jauchzen lasst uns, deiner uns freuen, deine Liebe höher rühmen als Wein. Hdl 1,4

Der Lobpreis ist Jubel angesichts der Liebe Gottes, die sich in der ganzen Heilsgeschichte zeigt und der die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn gesandt hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Lobpreis und Freude sind Kinder der Liebe. Wenn der Lobpreis in unseren Herzen kraftlos geworden ist, liegt es daran, dass wir die göttliche Liebe aus dem Blick verloren haben. Oft genügt es dann, diese einfache Wahrheit neu in einem Akt des Glaubens anzunehmen: Er liebt mich so sehr, dass er voller Ungeduld darauf wartet, mir seine Liebe mitzuteilen. Auf diese Liebe gibt es keine andere Reaktion als Lobpreis.

Hld 1,7: Suche nach Gott

Sag mir, mein Geliebter, wo lässt du deine Schafe weiden, wo lässt du sie am Mittag lagern? Hdl 1:7

Im Herzen glüht die Sehnsucht. Aus dieser Sehnsucht heraus suchen wir Gott. Wo weidest du? Wo bist du?Dieser Ruf nach Gott ist bereits ein Wirken der Gnade. Es gibt nur einen Hirten, der die Sehnsucht des Herzens zu stillen vermag, Jesus Christus. Alles Suchen bei den Gefährten, bei anderen Menschen, Idolen, Ideen wird sich am Ende als Herumirren herausstellen.

Hld 1,8: Spuren der Schafe

Folge den Spuren der Schafe, dann weide deine Zicklein dort, wo die Hirten lagern. Hdl 1,8

Halte dich an die, die schon zur Herde Christi gehören. Sie begleiten dich. Halte dich an die Hirten. Sie führen dich. Habe Begleiter auf deinem Weg. Begleiter, mit denen du Fragen und Nöte besprechen und Rat holen kannst. Niemand soll allein bleiben. Gott führt uns in vielen Situationen durch andere Menschen. Es ist sehr sinnvoll, wenn dies in den großen Lebenslinien feste und konstante Personen sind. Ein Bäumchen, das immer wieder verpflanzt wird, kann nicht Wurzel fassen, folglich auch nicht zu seiner vollen Entfaltung gelangen und die erhoffte Frucht bringen.

Hld 1,12: Gemeinschaft mit dem König

Solange der König an der Tafel ruht, gibt meine Narde ihren Duft. Hdl 1,12

Der König ist anwesend. Gemeinsam zu Tisch liegen ist ein Bild für vertraute Gemeinschaft. Der König schenkt seine Gegenwart, und die Braut verströmt ihren Duft. Das ist ein Bild für das Gebet. Christus schenkt seine Gegenwart, und die Seele antwortet mit ihrer Hingabe, mit ihrer Sehnsucht, Gott zu gefallen und heilig zu sein. Dabei ist sie ganz und gar abhängig von der Gegenwart des Königs. Nur solange er da ist, kann sie ihren Duft verströmen. Nur durch die Gegenwart Christi können wir wahrhaft beten. Ohne ihn können wir nichts tun, nicht einmal beten. Ohne ihn wären wir zu keiner Regung der Liebe fähig, die ja das Wesen des Gebets ausmacht. Alles ist Gnade

Hdl 1,15: Schön bist du

Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön. Hdl 1,15

Neun Mal sagt der Bräutigam (Jesus) im Hohenlied zu seiner Geliebten (du): Schön bist du! Er kann es nicht oft genug wiederholen, so hingerissen ist er von ihrer Schönheit. Wie Liebende immer wieder die Schönheit des anderen bewundernd betrachten, so hört auch Gott nicht auf, den Menschen mit dem bewundernden Blick der Liebe zu betrachten. Der König nennt sie Freundin! „Ihr aber seid meine Freunde.“ (Joh 15:15) Welch barmherziges Herabneigen Gottes zu uns! Die Schönheit der Seele ist eine Gabe Gottes. Er verleiht sie ihr durch den Heiligen Geist. Dieser Geist ordnet, was in Unordnung geraten ist, und stellt die durch die Sünde verunstaltete menschliche Natur wieder her. Er formt uns nach dem Bild des Sohnes zu einer neuen Schöpfung um. Der Heilige Geist macht unser Herz demütig und mild, gleich dem Herzen Jesu.

Hohelied – Kapitel 2

Hdl. 2,1: Eine Blume sein

Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal. Hohelied 2:1

Ob es windig, regnerisch oder sonnig ist: für die Blüte ist das Entscheidende, gut mit ihrem Stengel verbunden zu sein. Du bist diese Blüte, die Augenblicke der Freude, der Not, der Schwierigkeiten erfährt. Das Wesentliche ist, dass du gut mit Jesus verbunden bleibst, da er die Quelle von all dem ist, was du benötigst, um die Sendung, die er dir anvertraut hat, anzunehmen.

Ich bin eine Blume auf den Wiesen des Scharon, eine Lilie der Täler. Hdl 2,1

Wenn wir uns von Gott angeschaut wissen, erkennen und gewahren wir uns in unserer gottgeschenkten Schönheit. Du bist nicht nur einer unter vielen. Du bist etwas ganz Besonderes in meinen Augen. Dich liebe ich mit einzigartiger Liebe. Mit dem Geliebten zusammen zu sein, ist ein Duft, eine Wohltat und ein Wohlgeschmack. Die Zeit, die wir mit Gott im Gebet verbringen, bewirkt in uns, was keine andere Begegnung zu bewirken vermag. Durch seinen Heiligen Geist schenkt Gott unserem Herzen in der Unrast Ruhe, haucht in der Hitze Kühlung zu und lässt uns die Süßebseiner barmherzigen Liebe verkosten. Wenn wir doch mit solcher Sehnsucht und Vorfreude jeden Tag zum Gebet hineilten.

In seinem Schatten begehre ich zu sitzen. Wie süß schmeckt seine Frucht meinem Gaumen! Hdl 2,3

Hdl. 2,5: Krank vor Liebe

Ich bin krank vor Liebe. Hdl 2, 5

Der Mensch, der einmal die Macht der göttlichen Liebe erfahren hat, verlangt immer mehr nach ihr. Das Verlangen nach der Liebe ist wie eine Wunde, die schmerzt und nicht heilt, ehe sie nicht von neuem die Liebe empfängt. Die Krankheit aus Liebe ist die bleibende Sehnsucht nach der endgültigen und vollkommenen Gemeinschaft mit dem Geliebten. Diese Krankheit wird auf Erden nie ganz geheilt. Selig, die krank sind vor Liebe, denn sie werden geheilt werden. Wie arm dagegen ist der Mensch, der die Entfernung von Gott gar nicht zu spüren scheint und in seinem irdischen Leben nichts vermisst. Er leidet an einer tödlichen Krankheit, während die Krankheit der Liebe eine heilbringende ist, die zur vollendeten Liebesgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott führt.

Hdl. 2,6: Umfangen von Gott

Seine Linke liegt unter meinem Kopf, seine Rechte umfängt mich. Hdl 2,6

Im Gebet umfängt der göttliche Liebende unser ganzes Menschsein. Der Kopf steht für unser Denken und Verstehen. Im Gebet ordnet, reinigt und erleuchtet Gott unseren Verstand. Er gibt uns Licht für die aktuellen Fragen unseres alltäglichen Lebens. Er lässt uns die Welt im Licht seiner Weisheit sehen. Er führt uns tiefer in die göttliche Wahrheit ein. Der Liebende umfängt seine Geliebte mit der Rechten, d.h., er zieht sie an sich, so dass Herz an Herz zu liegen kommt. Im Gebet dürfen wir ruhen am Herzen Jesu. Es ist schön, bei ihm zu verweilen und von der unendlichen Liebe seines Herzens berührt zu werden. Liebende sehnen sich nach ungestörtem Zusammensein, und immer ist die Zeit dafür zu kurz. So wünscht sich auch die Seele, wenn sie in der Umarmung der göttlichen Liebe ruht, Ungestörtheit, ja Ewigkeit.

Hdl. 2,12: Blumenstrauß

Die Blumen zeigen sich im Land. Hld 2,12

Wer in einem schönen Garten spazieren geht, nimmt gern einige Blumen mit, um sich an ihrem Wohlgeruch zu erfreuen und sie den ganzen Tag bei sich zu haben. Nimm also diesen geistlichen Blumenstrauß mit in den Tag: ein Bibelvers, der dich angesprochen hast und über denn du nachgedacht hast, Vorsätze, die du dir vorgenommen hast, die Ruhe und Stille, die du beim Verweilen beim Herrn erlebt hast. Beschließe das Gebet mit drei Dingen. Erstens die Danksagung, für die Gefühle, die Worte, die Vorsätze, die Gott dir darin geschenkt hat, dass du bei ihm verweilen durftest. Zweitens die Bitte, dass Gott dir die Gnade mitteilt, die Vorsätze auch treu durchführen zu können. Drittens die Aufopferung, dass du alles an diesem Tag zur Ehre Gottes tun wirst.

Ein Tag ohne Gebet ist wie ein Himmel ohne Sonne, wie ein Garten ohne Blumen. Joh Paul XXIII

Hdl. 2,15: Fangt die Füchse

Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verwüsten, dann stehen unsere Reben in Blüte. Hdl 2,15

Die Füchse stören die Einheit der Liebenden, sie zerstören die Liebe in dreifacher Weise:

1. Verletzungen der Liebe sein. Nicht erst die großen, schon die kleinen Sünden, die scheinbar kleinen Unaufmerksamkeiten der Liebe, richten Schaden an. Auf Dauer können sie den Weinberg verwüsten, die Liebesbeziehung zerrütten. Sie werden gefangen, wenn wir sie immer neu in Demut bekennen und der Barmherzigkeit Gottes anheim geben.

2. Selbstvorwürfe: Das Festhalten an alter Schuld, obwohl sie schon längst vergeben ist. Solche Selbstvorwürfe hindern die Einheit mit Christus, weil an seine barmherzige Liebe nicht geglaubt wird. Die Füchse werden gefangen, sobald wir die Erlösungstat Christi und seine Vergebung im Glauben annehmen.

3. Zerstreute Gedanken, die bald hierhin, bald dorthin schwirren und so das Gebet, die Gemeinschaft der Liebe mit Ihm, stören. Die Füchse fangen heißt, die verstreuten Gedanken immer neu einzufangen und auf Ihn hin auszurichten.

Hohelied – Kapitel 3

Hld 3,4: Gefundene Liebe

Ich habe den gefunden, den meine Seele liebt. Ich habe ihn gefunden und lasse ihn nicht!.Hld 3,4

Die gewonnene Liebe aber läßt uns beschauen. Die Liebe drängt dazu, die geliebte Schönheit immer noch aufmerksamer anzuschauen und das Schauen zwingt das Herz, sie immer noch brennender zu lieben. Die Beschauung ist ein liebevolles, einfaches, ständiges Aufmerken des Geistes auf göttliche Dinge. Um zum beschaulichen Gebet zu gelangen, müssen wir für gewöhnlich das Wort Gottes hören, mit anderen geistliche Gespräche pflegen, fromme Bücher lesen, beten, betrachten, geistliche Lieder singen, gute Gedanken hegen. Die Beschauung hängt nicht von unserer Bemühung ab, sondern Gott bewirkt sie in uns durch seine heilige Gnade, wenn es ihm gefällt.

Hohelied – Kapitel 4

Hdl. 4,9: Verzaubert – gestohlenes Herz

Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut. Ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette. Hdl 4,9

Gott ist verzaubert von der Schönheit der Braut. Kleinigkeiten wie eine Perle der Halskette genügen dazu. Schon kleine Bezeugungen unserer Liebe zu Gott, kleine Taten der Liebe vermögen Gott aufs höchste zu erfreuen und im Innern zu berühren. Dabei ist es nicht das Außerordentliche der menschlichen Tat, das eine solche Reaktion in ihm bewirkt. Weil er uns mit solch überschwänglicher Liebe liebt, deshalb sind für ihn die geringsten Liebesbezeugungen unendlich wertvoll. Auch wenn es uns schwer fassbar erscheint: Christus verlangt nach unserer Liebe. Jede noch so kleine Regung der Liebe lässt ihn jubeln. Jede Tugend, jede innere Schönheit des geringsten unserer Gedanken, Worte oder Werke ist für ihn Grund zu größter Freude.

Mit einem einzigen Blick hast du mein Herz gestohlen. Hdl 4:9

Der Blick in die Augen ist etwas ganz Wichtiges und dennoch erst einmal was ganz banales und Alltägliches. So ist es auch mit unserem Tun. Wer Jesus dient, sollte auch den kleinen und unscheinbaren Dingen ebensoviel Sorgfalt widmen wie den großen und erhabenen. Sei bereit alles für Jesus zu geben, selbst dein Leben, wenn dir aber die göttliche Vorsehung nicht so große Prüfungen schickt, so ertrage gelassen die kleinen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, die kleinen alltäglichen Opfer, lege in die viel Liebe hinein. Die großen Gelegenheiten, Gott zu dienen, sind selten: kleine gibt es immer. Diese täglichen kleinen Liebesdienste, alle diese kleinen Leiden in Liebe angenommen erfreuen die göttliche Güte. Da sich solche Gelegenheiten sehr oft bieten, bieten sie einen unschätzbaren Reichtum für geistlichen Wachstum. Bleiben Sie beharrlich dabei, sich tapfer zu überwinden bei diesen kleinen täglichen Ärgerlichkeiten, die Ihnen zustoßen; richten Sie Ihre Bestrebungen hauptsächlich darauf. Sie müssen wissen, dass Gott für den Augenblick nichts von uns will als das; bemühen Sie sich also gar nicht, anderes zu tun.

Hdl. 4,15: Sprudelnde Quelle

Du bist eine sprudelnde Quelle mit frischem Wasser. Hld 4:15

Man zieht sich zu Gott zurück, wenn man sich zu ihm erhebt und man erhebt sich zu ihm, um sich in ihn zurückzuziehen. So sind die Erhebungen zu Gott und das Zurückziehen in die geistige Einsamkeit eng miteinander verbunden. Das Gebet versetzt uns in die Wärme der göttlichen Liebe, es macht uns innerlich hell und reinigt uns so von allem Dunklen. Das Gebet ist die Quelle, deren Wasser in uns unsere guten Wünsche zum Blühen bringt und unser so oft erhitztes Herz abkühlt. Denn im Gebet sind wir direkt mit ihm verbunden, wird er selbst zur sprudelnden Quelle für uns.

Hohelied – Kapitel 5

Hdl 5,2: Waches Herz

Ich schlief, doch mein Herz war wach. Da, es klopft. Mein Liebster kommt! Hdl 5:2

Der heilige Geist spricht mitten am Tag zu uns ohne unser Zutun durch Einsprechungen. Gewissermaßen weist er uns auf dieses oder jenes hin, um uns zum Guten zu führen. Freuen wir uns über solche Einsprechungen, stimmen ihnen zu und führen sie aus. Er ruft uns. An uns liegt es, ob wir ihn hören. Wie allmächtig auch die Kraft der barmherzigen Hand Gottes ist, die die Seele mit so vielen Einsprechungen, Anregungen und Lockungen rührt, umhüllt und fesselt, der menschliche Wille bleibt doch stets vollkommen frei, ohne einem äußeren oder inneren Zwang zu unterliegen.

Wie armselig ist oft unsere Liebe, wie zögerlich unsere Antwort auf die Liebe des Herrn, der für uns so viel getan hat! Christus hat für uns den ganzen Weg durch das Dunkel des Leidens und die Finsternis der Gottesferne auf sich genommen. Er bittet: Wacht und betet. Wir folgen seinem Ruf oft nur zögerlich. Wie oft leben wir, obwohl unser Herz schon aufgeweckt wurde durch die göttliche Liebe, noch im Halbschlaf dahin! Wenn wir unseren täglichen Beschäftigungen nachgehen, ohne an Gott zu denken, haben wir unser Taufkleid gleichsam abgelegt und sind zu träge, uns anzukleiden. Wie oft scheuen wir die Mühe des Weges, uns aufzumachen, das bequeme Dahinleben zu unterbrechen und uns in die Gegenwart des Herrn zu begeben

Hdl. 5,4: Gott reicht uns die Hand

Mein Geliebter streckte die Hand durch die Luke. Da bebte mein Herz ihm entgegen. Hdl 5,4

Gott lässt sich nicht entmutigen von unserer schwächlichen Liebe. Er kennt unsere Unfähigkeit, ihm aus eigener Kraft entgegenzugehen und ihm die Tür zu öffnen. Deswegen streckt er seine Hand aus: Er kommt uns mit seinem Heiligen Geist zu Hilfe, dass wir uns zu ihm aufmachen und uns seiner Gegenwart öffnen können. Erst wenn Gott seine Hand durch die Luke hereinstreckt, wenn sein Heiliger Geist in unserem Innern wirkt, dann erwacht in uns die Liebe, die uns befähigt, ihm die Tür zu öffnen.

Ich stand auf, dem Geliebten zu öffnen. Hdl 5,5

Hdl. 5,6: Verborgener Gott

Ich öffnete meinem Geliebten: Doch der Geliebte war weg, verschwunden. Mir stockte der Atem: Er war weg. Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht. Ich rief ihn, er antwortete nicht. Hdl 5,6

Was den liebenden Gott dazu bewegt, sich zu verbergen, ist aus der Wirkung zu ersehen, die sein Handeln auf die Seele hat. Sie, die gerade noch so wenig Liebe zeigte und so träge auf die Gegenwart des Geliebten reagierte, sie wird nun durch die Abwesenheit des Geliebten verwandelt. Erst in seiner Abwesenheit bemerkt sie, wie sehr sie seiner Gegenwart bedarf. Die Anwesenheit des Geliebten hatte ihre Liebe nicht mehr gefördert. Seine Abwesenheit lässt die Liebe in der Form des schmerzlichen Vermissens in neuer Tiefe aufbrechen. Sie ruft, sie sucht – nun ist ihr kein Weg mehr zu weit. Auch wenn der liebende Gott sich dem Menschen entzieht – es geschieht aus Liebe!

Hdl. 5,10: Aussehen des Geliebten

Mein Geliebter ist weiß und rot. Seine Augen sind wie Tauben. Hdl 5,10-11

Jesus ist strahlend weiß im Lichtgewand der Verklärung und der Auferstehung und rot im Blut des Kreuzestodes. Seine Augen sind wie Tauben, rein und voller Sanftmut. Diesen Blick Christi zu meditieren ist eine unerschöpfliche Quelle. Wer im Gebet den Blick Christi sucht und sich von ihm betrachten lässt, den erfüllt er mit dem lebendigen Wasser des Heiligen Geistes. Der einfache gegenseitige Blick ohne Worte ist ein tiefes Gebet, das uns umgestaltet und ihm ähnlich macht durch das Wirken des Heiligen Geistes.

Hdl. 5,16: Zärtliche Küsse

Seine Küsse sind zärtlich, alles an ihm ist begehrenswert. So ist mein Liebster, mein Freund, ihr Mädchen von Jerusalem. Hoheslied 5:16

Sicherlich nicht von jedem, aber gerade von uns nah stehenden Personen tut körperliche Nähe gut, die immer Ausdruck der Seelenverbundenheit ist. Umarmungen und Streicheleinheiten geben uns ein sehr gutes Gefühl. Über Berührungen fühlen wir die Qualität der Beziehung und wir zeigen auch über Zärtlichkeiten unsere Liebe. Eine zärtliche Berührung oder Umarmung zählt oft mehr, als das gesprochene Wort. Gerade in einer verkopften, technisierten Gesellschaft sollten wir das nicht aus dem Auge verlieren. Auch Jesus selbst kommen wir nur dann näher, wenn wir uns zärtlich von ihm berühren lassen. Dir einen guten Start ins Wochenende. Sei zärtlich.

Hohelied – Kapitel 6

Hdl. 6,3: Einheit der Liebe

Meinem Geliebten gehöre ich, und mir gehört der Geliebte, der in den Lilien weidet. Hdl 6,3

Die Einheit der Liebe mit Gott findet dadurch ihre Vollendung, dass wir in Christus bleiben. Je mehr wir in Christus bleiben, desto fester und wird unsere Liebe. Es ist dann nicht mehr nur Liebe aus menschlicher Kraft, es ist die Liebe des Bräutigams selbst, die in unsere Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist. In dieser Endgültigkeit der Liebe liegt ein Friede, eine Gewissheit, eine Freude, die durch nichts mehr zu erschüttern ist. Durch die völlige Entblößung von allem äußeren und inneren Besitz, ist die Seele sich selbst enteignet und zu solcher Selbst-Übereignung fähig gemacht worden. Dieses vollkommene Sich-Schenken in der Liebe steht letztlich nicht in unserer Macht. Es ist eine Gnade, die wir nur erbitten können.

Herr, nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen dir. Nikolaus von Flüe

Hohelied – Kapitel 7

Hdl. 7,1: Tanz mit Gott

Dreh dich beim Tanz im Kreise. Hoheslied 7:1

Komm, Herr, und lade uns ein! Wir sind bereit, mit Dir zu tanzen: diesen Gang, jene Abrechnung, das Mittagessen, das zu kochen ist; die Nachtwache, bei der uns die Augen zufallen. Wir sind bereit zum Tanz der Arbeit, zum Tanz der Hitze, später zum Tanz der Kälte. Wenn manche Melodien in Moll sind, finden wir sie deshalb nicht traurig. Wenn uns etwas außer Atem bringt, finden wir es deshalb nicht erschöpfend. Wenn man uns drängt und stößt, nehmen wir das lachend hin, denn wir wissen, daß das beim Tanzen immer vorkommt. Lehre uns, Herr, wie sich der Tanz unseres Gehorsams in den Liebesroman einordnet, der zwischen Dir und uns begonnen hat. Gib uns Einblick in das große Orchester Deiner Pläne, in dem Du mitten in der heiteren Harmonie fremdartige Klänge zulässt. Lehre uns, unser Leben täglich neu anzuziehen wie ein Ballkleid und alles, was dazu gehört, wie unentbehrliche Kleinodien zu lieben

Hdl. 7,8: Leidenschaftliche Liebe

Deine Gestalt gleicht einer hohen Dattelpalme, und deine Brüste sind wie ihre Früchte. Ich sagte mir: Ich will auf die Palme steigen und nach ihren reifen Früchten greifen. Freuen will ich mich an deinen Brüsten. Hoheslied 7:8‭-‬9

Das Liebesverlangen Gottes nach uns ist geistiger Natur, aber das Bild der geschlechtlichen Liebe vermag die Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit der göttlichen Liebe herauszustellen wie kein anderes. Ja, viel größer ist das Verlangen Gottes nach dem Menschen, als der Mensch es sich je ausdenken könnte, und viel größer, als der Mensch je nach der Gemeinschaft mit Gott verlangen könnte. Wenn man nicht schweigen will, bleibt keine andere Möglichkeit, als die stärksten Bilder der Schöpfung für das Verlangen Gottes nach dem Menschen zu verwenden.

Hdl. 7,11: Zu Jesus gehören

Ich gehöre meinem Geliebten, und ihn verlangt nach mir. Komm, mein Geliebter, wandern wir auf das Land. Hdl 7,11

Der Mensch hat erkannt, wie sehr sich Gott nach ihm und seiner Liebe sehnt. Diese Liebe drängt ihn, seinerseits zu lieben und ganz Gott zu gehören. Er will aus seinem Leben auf immer eine Gabe machen, die Gott wohlgefällt. Er will sich in allem Gott hingeben und seinen Willen tun. Er versteht nun, wie sehr sich Gott an seiner Liebe und Hingabe freut. Die Braut sehnt sich danach, mit dem Geliebten allein zu sein in der Zurückgezogenheit, im stillen Gebet. Schon früh am Morgen verlangt uns danach. Wenn es uns gelingt, schon am Morgen in einer Zeit des Gebets bei Gott zu sein, werden wir leichter den ganzen Tag über in seiner Gegenwart bleiben können

Hohelied – Kapitel 8

Hdl. 8,5: Baum des Kreuzes

Unter dem Apfelbaum, da habe ich deine Liebe geweckt. Hoheslied 8:5

Die unzerstörbare Einheit der Liebe nimmt ihren Anfang vom Apfelbaum, dem Baum der Liebe: das ist der Baum des Kreuzes. Dort hat Christus alles Trennende auf sich genommen. Durch Kreuz und Auferstehung hat er uns aus dem Todesschlaf der Gottferne geweckt. Das Kreuz ist Zeichen einer sich völlig entäußernden Liebe, des reinsten und stärksten Verlangens Gottes nach dem Menschen, der sich seiner Liebe verweigert. Bei einem Siegel ist das Wachs untrennbar mit dem Papier verbunden. Das Siegelzeichen zeigt, wem das Blatt Papier gehört. Der Bräutigam bittet die Braut, ihn wie ein Siegel an Herz und Arm zu tragen d.h., ihn in jedem Moment in ihrem Herzen und in ihren Gedanken zu tragen und ihn anzubeten in Liebe.

Hdl. 8,6: Stark wie der Tod ist die Liebe

Die Liebe ist stark wie der Tod. Hld 8,6

Es ist eine heilige Haltung, Gott für alle Ereignisse, die seine Vorsehung anordnet, zu preisen und zu danken. Es ist eine heilige Haltung, es ganz ihm zu überlassen, in uns, über uns und mit uns zu schalten und zu walten, wie es ihm beliebt. Nichts wollen, sondern Gott wollen lassen! Allein in Erwartung zu sein, keine Tätigkeit, sondern ein einfaches Bereitsein, das zu empfangen, was geschehen wird. Und wenn die Ereignisse eingetreten und angenommen worden sind, verwandelt sich die Erwartung in Einwilligung und Zustimmung. Die Liebe allein gibt uns die Kraft, alles zu verlassen, vor allem unseren Eigenwillen.