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Warum lässt Gott Leid zu

Warum lässt Gott Leid zu


Die uralte Frage nach dem Leid

Warum muss ich so viel Unrecht mit ansehen, und warum schaust du untätig zu, wie die Menschen einander das Leben schwer machen? Unterdrückung und Gewalt, wohin ich blicke, Zank und Streit nehmen kein Ende! Habakuk 1:3

Die Leid-Frage ist eine uralte Frage, wie der Bibelvers aus Habakuk zeigt. Wir alle haben zwar Menschen, die uns im Leid beistehen. Wir erfahren Mitgefühl. Dennoch: zwei Menschen bleiben zwei Menschen. Die Tiefe unseres Schmerzes können wir nicht mit anderen teilen. Andere können unseren Schmerz niemals ganz verstehen. Wir müssen letzten Endes unser Leid ganz für uns allein durchstehen. Wir wollen es verstehen: warum? Auch wenn es da keine endgültigen Antworten gibt, ist es nicht damit getan, der Frage auszuweichen, denn der niedliche liebe Gott ist vielen leidgeprüften Menschen zu billig. Die Leidfrage stellt unser Gottesbild in Frage. Das war schon immer so und wir in dieser diesseitgen Welt immer wieder so sein.


Leid betrifft uns alle

Ich weine mir fast die Augen aus, der Schmerz überwältigt mich. Klg 2:11

Leid betrifft dich und mich, uns alle, das gilt es erst einmal fest zu halten: Krankheiten, Einsamkeit, Naturkatastrophen, Misshandlungen, Mitleid, Terror, Armut u.v.m….besonders der Tod, der eigene und der von uns Nahestehenden. Es gibt selbst veursachtes Leid, das aus Egoismus, Rücksichtlosigkeit u.a. entspringt und nicht selbst verursachtes Leid (z.B. Unfälle). Im AT ist Hiob „das“ Sinnbild des unschuldig Leidenden schlechthin. Der Vielfältigkeit des Leides sind keine Grenzen gesetzt. Die Art und Weise wie wir damit umgehen, ist unterschiedlich, der eine erträgt es leichter, für den anderen ist es schwerer. Diese Universalität der Leidfrage birgt die Chance, dass ich von Hiob bis hin zu Johannes Paul II vielfältige Beispiele habe, wie andere Menschen mit persönlichen Leid umgegangen sind. Das ist häufig eindrücklicher und wirksamer als die beste Antwort auf theoretisch-abstrakter Ebene.


Das Leid – eine Antwort gibt’s nicht

Sei mir gnädig, Herr, denn ich bin verzweifelt! Mein Blick ist getrübt vor Tränen. Mein Leib ist kraftlos, meine Seele ist leer.‭ Ps 31:9

Leid – eine uralte Frage, die uns alle betrifft. Kommt jetzt die Antwort? Es gibt viele Theologen, die sich mit der Leidfrage beschäftigt haben und versucht haben sie zu beantworten. Ich selbst hatte in meinem Staatsexamen diese Thematik als Prüfungsthema. So interessant die Erklärungsversuche auch sein mögen, wie Gottes Allmacht und Allgüte bei all dem Leid zusammen gehen, so bleiben diese Erklärungen weit entfernt vom konkreten Leid des einzelnen Menschen. Daher möchte ich auch keine dieser Antwortversuche hier darlegen. Viel interessanter und wichtiger ist es, zu schauen, was Leid mit dem einzelnen macht: es gibt Menschen, deren Glauben durch erfahrenes Leid gereift ist und andere Menschen, die ihren Glauben dadurch verloren haben. Im Leid stehen wir alle vor diesem Scheideweg. Ob großes oder kleines Leiden, sei dir der Freiheit und Verantwortung an diesem Scheideweg bewusst: festhalten oder loslassen des Glaubens.


Das Leid und die Unbegreiflichkeit Gottes

Das Leiden ist und bleibt unbegreiflich. Und das Leiden anzunehmen bedeutet, den unbegreiflichen Gott zu bejahen. Karl Rahner

Die Antwort, mit der ich bei der Leidfrag am meisten „mitgehen“ kann, ist die Unbegreiflichkeit Gottes, auch wenn dies letztlich als misslungener Antwortversuch angesehen werden kann. Dennoch: Für Karl Rahner ist die Unbegreiflichkeit des Leids ein Stück der Unbegreiflichkeit Gottes selber. Wenn du dich im persönlichen Leiden befindest, gilt es diese Unbegreiflichkeit Gottes (Warum lässt er das zu? Warum hilft er nicht?) auszuhalten und zu akzeptieren. Wer das Buch Hiob mal komplett liest, stellt fest, dass Hiob sich am Ende dieser Unbegreiflichkeit Gottes ergibt, also durchaus eine biblisch begründete Antwort. An Gott festhalten trotz des Nicht-Verstehens des Leids, ihn mit ganzen Herzen bejahen.


Jesus am Kreuz – eine Antwort?

Gegen drei Uhr rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Mk 15:34

Jesus hat uns im Evangelium keine Konzeption, Theorie oder Erklärung des Leids gegeben, sonder sich u.a. als Leidender und Mitleidener gezeigt. Ein Höhepunkt dieses Leidens ist sicherlich der Schmerz und das Gefühl der Gottverlassenheit, als Jesus im größten Leiden seines Sterbens fragend aufschreit, warum ihn Gott verlassen hat. In dieser Gottverlassenheit hält Jesus dennoch im Vertrauen fest an seinen Vater: die Worte „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ sind die Anfangsverse des Psalm 22. Liest und betet man diesen Psalm, so sieht man, dass er bei allem inneren Kampf im Gottvertrauen endet, dass sein Beten die Verzweiflung in Vertrauen wandelt. Und so endet der Psalm 22 mit dem Vers: „Selbst die Menschen, die noch nicht geboren sind, werden von seinen gerechten Taten hören, und man wird sagen: »Der Herr hat es vollbracht!“ (Ps 22:32)


Johannes Paul der II zur Leidfrage

Zum Abschluss der ersten Wochenreihe zum Thema Leid möchte ich euch einen Text von Joh. Paul II mitgeben, der mich persönlich sehr berrührt, der wiederrum keine Antworten gibt, sondern Wege und Aspekte aufzeigt:Verschieden ist die Bereitschaft, die der Mensch bei seinem Leiden zeigt. Man darf jedoch voraussetzen, dass jeder fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage nach dem „Warum“ in sein Leiden eintritt. Ein jeder fragt sich nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort auf diese Frage. Gewiss richtet er diese Frage auch wiederholt an Gott und an Christus. Darüber hinaus kann er nicht übersehen, dass derjenige, an den er seine Frage richtet, auch selbst leidet und ihm vom Kreuz herab, aus der Mitte seines eigenen Leidens her, antworten will. Doch manchmal braucht es Zeit, sogar lange Zeit, bis diese Antwort innerlich wahrgenommen werden kann. Denn Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des Leidens. Das Mysterium des Leidens scheint das Angesicht Gottes zu verdunkeln, ihn quasi zu einem Fremden zu machen oder sogar als Verantwortlichen für das Menschliche Leid zu zeigen, aber die Augen des Glaubens sind fähig, in die Tiefe dieses Geheimnisses zu blicken. Gott wurde Mensch und wurde uns nah auch in den schwierigsten Situationen; er hat das Leiden nicht abgeschafft, aber durch Kreuz und Auferstehung hat Er gezeigt, dass Seine Liebe auch in die tiefsten Tiefen des Menschen hinabsteigt, um ihm Hoffnung zu geben. Johannes Paul II