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Sehnsucht nach Gott

Sehnsucht nach Gott


1. Wunderbare Erhebung des Herzens zu Gott

Bei dir suche ich Zuflucht! Ps 16:1

Sobald der Mensch ein wenig aufmerksam an Gott denkt, fühlt sein Herz eine beglückende Erregung, die Zeugnis gibt, daß Gott der Gott des menschlichen Herzens ist. Unser Verstand fühlt nie größere Befriedigung als im Gedanken an Gott. Erschrickt unser Herz über irgend einen Vorfall, so nimmt es sogleich seine Zuflucht zu Gott. Damit bekennt es, daß, wenn auch alles ihm übel will, er allein ihm gütig bleibt. Diese Freude, die das Herz des Menschen an Gott hat und dieses Vertrauen zu ihm, können ihre Wurzel nur in jener inneren Beziehung haben, die zwischen der göttlichen Güte und unserer Seele waltet. Diese Beziehung ist mächtig, aber geheimnisvoll, nicht zu leugnen, aber doch auch nicht ganz zu ergründen. Franz von Sales


2. Wunderbare Unruhe des Herzens

Ich sehne mich nach dir! Ps 25:1

O wunderbare, aber so liebenswerte Unruhe des menschlichen Herzens! O meine Seele, sei immer ohne Rast und Ruhe auf dieser Erde bis du die frischen Wasser des unsterblichen Lebens und den höchst heiligen Gott findest, die allein es vermögen, deinen Durst zu löschen und deine ganze Sehnsucht zu stillen. O wie innig wird die Vereinigung unseres Herzens mit Gott einst im Himmel sein, wenn wir nach langer, in dieser Welt nie gestillter Sehnsucht nach dem wahren Gut, dessen lebendige und machtvolle Quelle finden werden. Franz von Sales


3. Die Liebeswunde der Sehnsucht

Wie ein Hirsch nach frischem Wasser lechzt, so sehne ich mich nach dir, o Gott! Ps 42:2

Die Liebe verwundet das Herz durch die Sehnsucht, die sie weckt. Da diese Sehnsucht nicht gestillt werden kann, quält sie. Das von Liebe zu Gott erfüllte Herz sehnt sich danach, ihn unendlich zu lieben, muß aber erkennen, daß es dies nie vollkommen kann. Diese aussichtslose Sehnsucht bohrt sich wie ein Dorn in uns hinein. Trotzdem ist dieser Schmerz liebenswert. Da er sich danach sehnt zu lieben, leidet er. Aber da er es liebt, sich zu sehnen, empfindet er zugleich Freude.

Er selbst berühre mich im Innern. Gregor der Große


4. Der Kuss Gottes

Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Hdl 1,2

Dies ist ein Ruf der Sehnsucht. Der Wunsch geküsst zu werden. Der Kuss ist die zarte Berührung, in der die Liebenden einander ihre Liebe spüren lassen. Darin liegt die tiefste Sehnsucht jedes Menschen: geliebt zu werden und diese Liebe auch zu erfahren, zu spüren. Nach solch spürbarer Mitteilung der göttlichen Liebe sehnen wir uns. All das Suchen, Streben und Verlangen der Menschen entspringt dieser Ur-Sehnsucht nach Liebe, nach einer absoluten und vollkommenen Liebe. In Gott allein kommt all unser Sehnen ans Ziel. Dieser Vers wird auch auf die Dreifaltigkeit gedeutet: Der Sohn ist der Mund des Vaters: Durch Christus allein kommen wir in Berührung mit der Liebe des Vaters. Der Kuss selbst ist der heilige Geist.


5. Streben nach Vereinigung

Er küsse mich mit dem Kuß seines Mundes. Hld 1,1

Sehnsüchtige Liebe als Herzensvereinigung drängt zum Kuss, Lippe auf Lippe als Ausdruck des Verlangens, seine Seele in die des anderen so vollkommen zu ergießen, daß beide zu einer einzigen verschmelzen. Das Ziel der Liebe ist kein anderes als die Vereinigung des Liebenden mit dem geliebten Wesen. Liebe strebt nach Verbundenheit. Und die Verbundenheit verstärkt die Liebe. Die Liebe treibt an, das Beisammensein, die Vereinigung zu suchen. Die innere Beziehung des Liebenden zum geliebten Wesen ist die erste Quelle der Liebe. Diese Beziehung besteht aber darin, daß sie einander ergänzen, daß zwei Liebende durch ihre Verbindung einander Wertvolles geben.


6. Der Ruf nach Gott

Sag mir, mein Geliebter, wo lässt du deine Schafe weiden, wo lässt du sie am Mittag lagern? Hdl 1:7

Im Herzen glüht die Sehnsucht. Aus dieser Sehnsucht heraus suchen wir Gott. Wo weidest du? Wo bist du?Dieser Ruf nach Gott ist bereits ein Wirken der Gnade. Es gibt nur einen Hirten, der die Sehnsucht des Herzens zu stillen vermag, Jesus Christus. Alles Suchen bei den Gefährten, bei anderen Menschen, Idolen, Ideen wird sich am Ende als Herumirren herausstellen.

Lass mich nicht vergebens nach dir suchen, nicht umherirren bei den Herden anderer Hirten! Hdl 1:7


7. Zieh mich

Zieh mich her hinter dir! Lass uns eilen! Hdl 1,4

Wir sehnen uns nach der Gemeinschaft der Liebe mit Gott und können doch von uns allein aus nicht den kleinsten Schritt tun. Nur die Bitte: Zieh mich durch deine Gnade. “Ohne mich könnt ihr nichts tun.” (Joh 15, 5). Er tut es! Dann aber liegt es an unserer Freiheit, die geschenkte Gnade aufzunehmen und den Heiligen Geist, der uns zieht, in uns wirken zu lassen. “Müht euch mit ganzer Kraft, durch die enge Tür zu gelangen!” (Lk 13, 24).

Wer aber sagt: Ziehe mich! hat etwas, was er will, und etwas, was er nicht kann. Gregor der Große


8. Ursprung der Gottesliebe

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. Lk 10:27

Die Gottesliebe hat ihren Ursprung im Wohlgefallen, das unser Herz empfindet, sobald es beim Beginn des Strebens nach Gott der göttlichen Güte gewahr wird. Durch den Glauben betrachten wir den unfaßbaren Abgrund der Vollkommenheit Gottes. Wir sehen seine Herrlichkeit entweder in der Gesamtheit aller Vollkommenheiten oder wir betrachten diese einzeln (Allmacht, Allwissenheit, Allgüte etc.). Durch dieses Betrachten wird unser Wille vom Wohlgefallen am höchsten Gut erfaßt. Wir regen dann unser Herz an dieses Wohlgefallen durch Akte der Zustimmung und der Freude zu bestärken. Vermehren und verstärken wir dieses erste Wohlgefallen durch Betätigung der Liebe.

Seine Küsse sind zärtlich, alles an ihm ist begehrenswert. So ist mein Liebster. Hdl 5:16


9. Suche und Ergreifen

Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden. Jer 29, 13

Gott, den du suchst, ist in dir, als Sehnsucht, die dich treibt und die dich suchen lässt, bis du findest. Wenn Gott sich finden lässt, muss die Seele ihn ergreifen und festhalten. Meine Seele hängt an dir (Ps 63, 9). Sie darf ihn nicht wieder loslassen. Sie darf sich in ihrem Herzen nicht wieder anderen Götzen zuwenden, sonst geht die Gemeinschaft mit ihm verloren. Die Liebe will nicht gestört werden, sie ersehnt Ewigkeit.

Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los. Hdl 3,4


10. Hoffen und Streben

Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch. Gottes Gabe ist es. Eph 2:8

Zwischen Hoffen und Streben besteht folgender Unterschied: Wir erhoffen Dinge, wenn wir erwarten, sie durch die Hilfe anderer zu erlangen. Die Gnade Gottes erhoffen wir. Wir streben dagegen nach Dingen, wenn wir sie mit eigenen Mitteln aus uns selbst zu erreichen suchen. Die göttliche Barmherzigkeit will, daß wir mit seiner Gnade mitwirken, dass wir mit der Schwäche unserer Einwilligung zur Stärke seiner Gnade einen Beitrag leisten. So ist also unser Hoffen irgendwie vom Streben begleitet, wobei die Hoffnung immer den Vorrang hat. Sie fußt ja auf der göttlichen Gnade. Das Streben, d.h. unser Mitwirken aber ist ein Sprößling der Hoffnung.


11. Krank vor Liebe

Ich bin krank vor Liebe. Hdl 2, 5

Der Mensch, der einmal die Macht der göttlichen Liebe erfahren hat, verlangt immer mehr nach ihr. Das Verlangen nach der Liebe ist wie eine Wunde, die schmerzt und nicht heilt, ehe sie nicht von neuem die Liebe empfängt. Die Krankheit aus Liebe ist die bleibende Sehnsucht nach der endgültigen und vollkommenen Gemeinschaft mit dem Geliebten. Diese Krankheit wird auf Erden nie ganz geheilt. Selig, die krank sind vor Liebe, denn sie werden geheilt werden. Wie arm dagegen ist der Mensch, der die Entfernung von Gott gar nicht zu spüren scheint und in seinem irdischen Leben nichts vermisst. Er leidet an einer tödlichen Krankheit, während die Krankheit der Liebe eine heilbringende ist, die zur vollendeten Liebesgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott führt.


12. Wie kleine Kinder an der Brust des Herrn

Ich aber liebe deine Gebote. Sie bedeuten mir mehr als reines Gold. Ps 119:127

Die Brust der Mutter ist die Schatzkammer des kleinen Kindes. Es kennt keinen anderen Reichtum als diesen, der ihm wertvoller ist als Gold und liebenswerter als alles andere in der Welt. Das Kindlein macht seine kleinen Anstrengungen, um zur Brust der Mutter zu gelangen und strampelt vor Behagen, sobald es dieselbe enthüllt sieht. Die Mutter ihrerseits reicht sie mit eifrigster Liebe dar. Dieses Kind an der Brust und am Hals seiner Mutter sträubt und wehrt sich, wenn man es wegnehmen will, weil es Zeit ist, es in seine Wiege zu legen. Es wehrt sich soviel es nur kann, um ja nicht diese ihm so liebe Brust verlassen zu müssen. Nimmt man es ganz weg, so fängt es zu weinen an und schreit nach seiner lieben Mutter bis man es in den Schlaf gewiegt hat. Das ist ein wunderschönes Bild unserer Seele, die liebevoll Gott betrachtet und sich in allem ihm überlässt und darin eine unvergleichliche Freude findet.


13. Wachsen in der Erkenntnis Gottes

Ich glaube! Hilf meinem Unglauben! Mk 9:24

Mein Erkennen ist schwach und von Finsternissen verdunkelt. Hilf mir daher, o mein Herr, zu glauben, denn: Der Glaube läßt uns mit Gewißheit erkennen, daß Gott ist, daß er unendlich gut ist, daß er sich mit uns vereinigen kann und will. So strebt das Herz auf seinen Gott hin. Und hat es endlich jenen so lange gesuchten Schatz gefunden, welch großen Frieden fühlt dann dies arme Herz, welche Freude. Im Himmel dann wird sich uns Gott entschleiert geben, wir werden ihn von Angesicht zu Angesicht schauen, so wie er ist. Nicht aus der Ferne werden wir diese Quelle der Seligkeit sehen, wie jetzt im Glauben. Nein! Wir werden, in diese Quelle hineingetaucht und versenkt. Diese Glückseligkeit ist endlos.

Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. 1. Kor 13:12


14. Gottes Vollkommenheit in der Ewigkeit schauen

Alles, was lebt, lobe den Herrn ! Lobt den Herrn . Halleluja! Ps 150:6

Den Fischen gehören die unbegrenzten Weiten des Ozeans und doch hat kein Fisch jeden Strand gesehen. Die Vögel tummeln sich in den Weiten der Luft und doch hat kein Vogel das gesamte Luftmeer durchquert. So werden sich unsere Seelen nach Herzenslust in Erfüllung all ihrer Sehnsucht in den Tiefen des göttlichen Ozeans, in den Höhen göttlicher Weiten bewegen und es wird ewig unsere Freude sein, zu sehen, wie diese Höhen so unendlich weit und diese Ozeane so unendlich groß sind, daß wir sie nie in ihrer ganzen Unendlichkeit genießen können. Wir werden im Himmel die ganze Gottheit schauen und uns ihrer erfreuen. Aber weder ein Einzelner noch alle zusammen werden sie in ihrer Gänze erfassen und ausschöpfen können. Gottes Unendlichkeit umfaßt immer unendlich mehr Vollkommenheiten, als wir Aufnahmefähigkeit besitzen.