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Hld Kap. 1

Hld Kap. 1


Das Hohelied ist eine Sammlung von wunderbaren Liebesliedern, die das Geheimnis der Liebe zwischen Mann und Frau in unübertroffenen Bildern schildern. Die sexuelle und erotische Liebe wird hier als Geschenk Gottes an den Menschen gesehen. Sie verzaubert Mann und Frau. Es ist nicht die eheliche Liebe, die hier besungen wird, sondern die freie Liebe zwischen Mann und Frau. Ohne moralischen Zeigefinger wird hier die sexuelle Liebe positiv gesehen.

Die Mystik aller Zeiten, schon die jüdische Mystik, aber auch die christliche Mystik, angefangen von Origenes über Gregor den Großen, Bernhard von Clairvaux und Johannes vom Kreuz, haben die Liebeslieder zwischen Mann und Frau als Ausdruck der Liebe Gottes zum Menschen und der Liebessehnsucht des Menschen nach Gott verstanden. Johannes vom Kreuz hat sich auf seinem Sterbebett das Hohelied der Liebe vorlesen lassen. Da ging für ihn in Erfüllung, was das Hohelied besingt: «Ja, stark wie der Tod ist die Liebe … Gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen» (Hld 8,6f). Seither fanden Liebende ihre Liebe in den wunderbaren Gedichten dieses biblischen Buches am schönsten ausgedrückt: «Du hast mich verzaubert, meine Schwester Braut; verzaubert mit einem einzigen deiner Blicke» (Hld 4,9).

Jede menschliche Liebe spiegelt Gottes Liebe zu uns wider. Während uns die menschliche Liebe zugleich verzaubert und uns vor Sehnsucht krank macht, während wir unsere menschliche Liebe immer wieder auch als brüchig erfahren, ist Gottes Liebe ohne Vermischungen mit Besitzansprüchen. Es ist die Liebe, die allein letztlich unsere tiefste Sehnsucht zu erfüllen vermag.


Er küsse mich mit dem Kuß seines Mundes. Hld 1,1

Sehnsüchtige Liebe als Herzensvereinigung drängt zum Kuss, Lippe auf Lippe als Ausdruck des Verlangens, seine Seele in die des anderen so vollkommen zu ergießen, daß beide zu einer einzigen verschmelzen. Das Ziel der Liebe ist kein anderes als die Vereinigung des Liebenden mit dem geliebten Wesen. Liebe strebt nach Verbundenheit. Und die Verbundenheit verstärkt die Liebe. Die Liebe treibt an, das Beisammensein, die Vereinigung zu suchen. Die innere Beziehung des Liebenden zum geliebten Wesen ist die erste Quelle der Liebe. Diese Beziehung besteht aber darin, daß sie einander ergänzen, daß zwei Liebende durch ihre Verbindung einander Wertvolles geben.


Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Hdl 1,2

Dies ist ein Ruf der Sehnsucht. Der Wunsch geküsst zu werden. Der Kuss ist die zarte Berührung, in der die Liebenden einander ihre Liebe spüren lassen. Darin liegt die tiefste Sehnsucht jedes Menschen: geliebt zu werden und diese Liebe auch zu erfahren, zu spüren. Nach solch spürbarer Mitteilung der göttlichen Liebe sehnen wir uns. All das Suchen, Streben und Verlangen der Menschen entspringt dieser Ur-Sehnsucht nach Liebe, nach einer absoluten und vollkommenen Liebe. In Gott allein kommt all unser Sehnen ans Ziel. Dieser Vers wird auch auf die Dreifaltigkeit gedeutet: Der Sohn ist der Mund des Vaters: Durch Christus allein kommen wir in Berührung mit der Liebe des Vaters. Der Kuss selbst ist der heilige Geist.


Süßer als Wein ist deine Liebe. Hdl 1,2

Die Liebe des dreifaltigen Gottes ist größer und höher als alles, was es in der Welt gibt. Nur sie vermag das Herz ganz und dauerhaft zu erfüllen, nur sie schenkt Genuss ohne böses Erwachen, festliche Freude ohne Verdrängung der Wirklichkeit, die Ekstase der vollkommenen Hingabe ohne Verlust der Identität. Solange wir das nicht verstanden haben, werden wir nicht aufhören, irdischen Gütern nachzujagen, als vermöchten sie endgültige Erfüllung zu schenken. Nur wenn wir die alles überragende Güte Gottes erkennen, werden wir uns lösen von falschen Bindungen an irdische Güter. Dann werden wir freie Menschen. Der Tod trennt die Seele der Sterbenden vom Leib und von allen Dingen der Welt. Auch die heilige Liebe trennt die Seele der Liebenden von ihrem Leib und von allen Dingen der Welt. Es gibt hier nur den einen Unterschied, daß der Tod dies immer in Wirklichkeit tut, was bei der Liebe für gewöhnlich nur im Herzen geschieht.


Dein Name ist wie ausgegossenes Salböl. Hdl 1:3

Gott überreiche Güte erhält keinen Zuwachs an Gutem durch alle Lobpreisungen, die wir ihm spenden. Er wird dadurch weder reicher noch größer, weder zufriedener noch glücklicher. Die Seele wünscht daher wenigstens, daß sein Name mehr und mehr gepriesen und angebetet wird. Wie eine Biene von Blüte zu Blüte fliegt, so betrachtet die Seele Gottes Herrlichkeit. Damit lobt sie soviel sie kann, den Namen ihres Vielgeliebten. Je mehr das Herz lobt, um so mehr findet es Gefallen an dem Lob.


Köstlich ist der Duft deiner Salben. Dein Name ist hingegossenes Salböl. Hdl 1,3

Wer Christus wirklich begegnet, ist fasziniert von seiner Schönheit, von dem Wohlgeruch, der von seiner Person ausströmt. Wer Christus in der Heiligen Schrift betrachtet, wird selbst erfüllt vom Duft Christi, dem Heiligen Geist. Wenn wir Jesu Namen aussprechen und dabei daran denken, wer er ist und was er für uns getan hat, dann werden wir erfüllt von der Salbung des Heiligen Geistes. Der Name Jesus bedeutet: Gott rettet. So enthält er die sich ganz entäußernde Liebe des Vaters zu uns, die er uns im Heiligen Geist mitteilt. Wenn wir seinen Namen aussprechen, tauchen wir ein in den Strom der Liebe des dreifaltigen Gottes


Zieh mich her hinter dir! Lass uns eilen! Hdl 1,4

Wir sehnen uns nach der Gemeinschaft der Liebe mit Gott und können doch von uns allein aus nicht den kleinsten Schritt tun. Nur die Bitte: Zieh mich durch deine Gnade. “Ohne mich könnt ihr nichts tun.” (Joh 15, 5). Er tut es! Dann aber liegt es an unserer Freiheit, die geschenkte Gnade aufzunehmen und den Heiligen Geist, der uns zieht, in uns wirken zu lassen. “Müht euch mit ganzer Kraft, durch die enge Tür zu gelangen!” (Lk 13, 24).

Wer aber sagt: Ziehe mich! hat etwas, was er will, und etwas, was er nicht kann. Gregor der Große


Ziehe mich: wir werden dir nachlaufen. Hohelied 1:4

Was bedeutet denn die Bitte, „Angezogen“ zu werden anderes, als sich aufs innigste mit dem Gegenstand vereinen zu wollen, der das Herz in Bann schlägt? Wenn Feuer und Eisen vernunftbegabt wären, und dieses zu jenem sagte: Ziehe mich an, bewiese das nicht, dass es mit dem Feuer so eins sein möchte, dass dieses es durchdringe und durchtränke mit seiner brennenden Substanz und nur mehr eins scheine mit ihm. Vielgeliebte Mutter, das ist mein Gebet, ich bitte Jesus, mich in die Flammen seiner Liebe hineinzuziehen, mich so innig mit Ihm zu vereinen, dass Er in mir lebe und wirke. Ich fühl’ es, je mehr das Feuer der Liebe mein Herz durchglüht, je mehr ich zu sagen vermag: Ziehe mich an dich, umso mehr werden auch die Seelen, die sich mir nahen werden (einem armseligen, unnützen Stückchen Eisen, sobald ich mich vom göttlichen Glutofen entfernte), mit Geschwindigkeit dem Duft der Wohlgerüche ihres Viel-Geliebten nacheilen, denn eine von Liebe entflammte Seele kann nicht untätig bleiben; gewiss sitzt sie wie die Hl. Magdalena zu Füßen Jesu, sie lauscht seinem süßen, feurigen Wort. Sie scheint nichts zu geben und gibt doch viel mehr als Martha (vgl. Lk 10,41) […]. Hl. Theresia vom Kinde Jesu


Jauchzen lasst uns, deiner uns freuen, deine Liebe höher rühmen als Wein. Hdl 1,4

Der Lobpreis ist Jubel angesichts der Liebe Gottes, die sich in der ganzen Heilsgeschichte zeigt und der die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn gesandt hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Lobpreis und Freude sind Kinder der Liebe. Wenn der Lobpreis in unseren Herzen kraftlos geworden ist, liegt es daran, dass wir die göttliche Liebe aus dem Blick verloren haben. Oft genügt es dann, diese einfache Wahrheit neu in einem Akt des Glaubens anzunehmen: Er liebt mich so sehr, dass er voller Ungeduld darauf wartet, mir seine Liebe mitzuteilen. Auf diese Liebe gibt es keine andere Reaktion als Lobpreis.


Sag mir, mein Geliebter, wo lässt du deine Schafe weiden, wo lässt du sie am Mittag lagern?
Hdl 1:7

Im Herzen glüht die Sehnsucht. Aus dieser Sehnsucht heraus suchen wir Gott. Wo weidest du? Wo bist du?Dieser Ruf nach Gott ist bereits ein Wirken der Gnade. Es gibt nur einen Hirten, der die Sehnsucht des Herzens zu stillen vermag, Jesus Christus. Alles Suchen bei den Gefährten, bei anderen Menschen, Idolen, Ideen wird sich am Ende als Herumirren herausstellen.


Folge den Spuren der Schafe, dann weide deine Zicklein dort, wo die Hirten lagern. Hdl 1,8

Halte dich an die, die schon zur Herde Christi gehören. Sie begleiten dich. Halte dich an die Hirten. Sie führen dich. Habe Begleiter auf deinem Weg. Begleiter, mit denen du Fragen und Nöte besprechen und Rat holen kannst. Niemand soll allein bleiben. Gott führt uns in vielen Situationen durch andere Menschen. Es ist sehr sinnvoll, wenn dies in den großen Lebenslinien feste und konstante Personen sind. Ein Bäumchen, das immer wieder verpflanzt wird, kann nicht Wurzel fassen, folglich auch nicht zu seiner vollen Entfaltung gelangen und die erhoffte Frucht bringen.


Solange der König an der Tafel ruht, gibt meine Narde ihren Duft. Hdl 1,12

Der König ist anwesend. Gemeinsam zu Tisch liegen ist ein Bild für vertraute Gemeinschaft. Der König schenkt seine Gegenwart, und die Braut verströmt ihren Duft. Das ist ein Bild für das Gebet. Christus schenkt seine Gegenwart, und die Seele antwortet mit ihrer Hingabe, mit ihrer Sehnsucht, Gott zu gefallen und heilig zu sein. Dabei ist sie ganz und gar abhängig von der Gegenwart des Königs. Nur solange er da ist, kann sie ihren Duft verströmen. Nur durch die Gegenwart Christi können wir wahrhaft beten. Ohne ihn können wir nichts tun, nicht einmal beten. Ohne ihn wären wir zu keiner Regung der Liebe fähig, die ja das Wesen des Gebets ausmacht. Alles ist Gnade


Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön. Hdl 1,15

Neun Mal sagt der Bräutigam (Jesus) im Hohenlied zu seiner Geliebten (du): Schön bist du! Er kann es nicht oft genug wiederholen, so hingerissen ist er von ihrer Schönheit. Wie Liebende immer wieder die Schönheit des anderen bewundernd betrachten, so hört auch Gott nicht auf, den Menschen mit dem bewundernden Blick der Liebe zu betrachten. Der König nennt sie Freundin! “Ihr aber seid meine Freunde.” (Joh 15:15) Welch barmherziges Herabneigen Gottes zu uns! Die Schönheit der Seele ist eine Gabe Gottes. Er verleiht sie ihr durch den Heiligen Geist. Dieser Geist ordnet, was in Unordnung geraten ist, und stellt die durch die Sünde verunstaltete menschliche Natur wieder her. Er formt uns nach dem Bild des Sohnes zu einer neuen Schöpfung um. Der Heilige Geist macht unser Herz demütig und mild, gleich dem Herzen Jesu.